Die spanische Regierung verbindet mit Terror automatisch die ETA, deshalb dauerte es lange, dass sie arabische Fundamentalisten in den möglichen Täterkreis einschloss.
Am Abend begannen sogar spanische Regierungsvertreter zu zweifeln, ob ihre Theorie noch haltbar sei. Ein Regierungssprecher schloss nicht mehr aus, dass es sich bei dem verheerenden Anschlag doch um eine Tat islamischer Fundamentalisten handeln könnte. Kurz zuvor war ein verdächtiger Kleinbus aufgetaucht, in dem die Polizei nicht nur Zündelemente für Bomben, sondern auch eine arabische Tonbandkassette fand. Die arabisch-sprachige Londoner Zeitung "Al Quds al Arabi" hat gleichzeitig von einem angeblichen Brief der Terrororganisation al-Qaida berichtet, in dem ein Bekenntnis zu den Bombenanschlägen auf Nahverkehrszüge in Madrid enthalten sein soll. In einem Kommunique, dessen Authentizität nicht überprüft werden konnte, übernimmt die Organisation die Verantwortung für die Anschläge von Istanbul und Madrid.
Für eindeutige Rückschlüsse auf die Attentäter der Anschläge von Madrid war es nach Einschätzung von US-Geheimdiensten am gestrigen Tag noch zu früh. Die Bombenanschläge trügen sowohl Merkmale der baskischen Separatistenorganisation ETA als auch der moslemischen Extremistengruppe al-Qaida, verlautete aus US-Regierungskreisen.
"Es waren mehrere Anschläge, mehrere Explosionen an verschiedenen Stellen innerhalb kurzer Zeit - und das ist der al-Qaida sehr ähnlich", sagte ein US-Vertreter. Er schränkte allerdings ein: "Aber die ETA bedroht schon seit längerem Touristen und Pendler, und sie hat in der Vergangenheit schon Anschläge auf Züge verübt und sie hat Anschläge auf Bahnhöfe verübt." Üblicherweise habe sie jedoch die Leute im Voraus gewarnt, und das scheint diesmal nicht geschehen zu sein.
Waren es Selbstmordattentäter?
Eine entscheidende Frage zu den Hintermännern der Anschläge wird sein, ob es sich um Selbstmordattentäter gehandelt hat oder ob die Bomben in den Zügen platziert worden sind. Selbstmordanschläge würden für al-Qaida sprechen, die ETA hat solche Anschläge bisher nicht verübt. Auch der Chef der europäischen Polizeibehörde Europol, Jürgen Storbeck, hat Zweifel an der Verantwortung der ETA geäußert. Die Anschläge unterschieden sich von der bisherigen Vorgangsweise der radikalen baskischen Separatisten. Der Unterschied zu bisherigen ETA-Anschlägen sei, dass die Organisation bisher stets auf bestimmte Personen gezielt habe. Storbeck sieht allerdings auch die Möglichkeit, dass eine bisher noch unbekannte und besonders radikale ETA-Zelle hinter den Anschlägen steht.
Während die spanische Regierung den ganzen Tag lang von einem ETA-Anschlag ausging, wies der Vorsitzende der verbotenen ETA-nahen Baskenpartei Batasuna, Arnaldo Otegi, jede Verantwortung der baskischen Untergrundorganisation entschieden zurück.
Mit dem Massaker, das insgesamt 13 Bomben, von denen nur drei entschärft werden konnten, gestern Früh auf den Bahnhöfen der Hauptstadt anrichteten, ist Spanien in die Zeit der frühen achtziger Jahre zurückgekehrt. Damals schon ließen die Gewalttäter ihre Sprengsätze an Verkehrsknotenpunkten und in Supermärkten detonieren.
Der bis gestern schlimmste Anschlag ereignete sich 1987 in einem Supermarkt in Barcelona und forderte mehr als 20 Tote. Mit der gestrigen Bilanz von mindestens 190 Toten und über 1000 Verletzten, etlichen davon in Lebensgefahr, hat ETA oder al-Qaida eines der schlimmsten Blutbäder in Westeuropa seit Jahrzehnten angerichtet. Skeptiker meinen nun, dass damit die Politik der harten Hand gegen die Terroristen gescheitert sei. Aznar hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er auf den Zusammenbruch der ETA setzt, so wie er auch gestern wieder betonte: "Wir werden nichts an unserer Politik ändern, weder weil die ETA mordet, noch weil sie nicht mordet. Es wird keine Verhandlungen mit den Mördern geben, und das einzige Ende des Terrors ist der komplette und unumkehrbare Kollaps der ETA."
Aznar ruft zu Demonstrationen auf
Auch heute Abend sind die Menschen in Spanien wieder aufgerufen, gegen die Gewalttäter "so massenhaft zu demonstrieren, wie unser Schmerz groß ist", sagte Aznar.
Doch weisen selbst die Kritiker des konservativen Premiers, der sich nach zwei Legislaturperioden von der Macht zurückzieht und seinen ehemaligen Spin-Doctor Mariano Rajoy als Spitzenkandidaten in die Wahlen am Sonntag schickt, darauf hin, dass der radikale baskische Separatismus zwar Bomben legen, jedoch längst kein Kapital mehr aus der Gewalt ziehen kann. "Die Zeit, in der die ETA etwas verhandeln konnte, ist lange vorbei", sagt etwa der Soziologieprofessor Enrique Gil Calvo. "In eine Rolle wie die IRA kann die ETA nicht mehr schlüpfen." Schon beim Waffenstillstand 1998/99 konnte es sich die Aznar-Führung leisten, auf politische Verhandlungen zu verzichten, da der Rückhalt der ETA in der baskischen Bevölkerung im Schwinden begriffen war und die operative Bekämpfung längst die Oberhand gewonnen hatte.
Den Regionalwahlergebnissen zufolge kann sich die ETA über ihren - seit August 2002 verbotenen - politischen Arm Batasuna auf keine 15 Prozent mehr stützen. Die im Baskenland regierende Nationalpartei (PNV) steuert zwar einen eigenen Abspaltungskurs von Madrid per Referendum, lehnt den ETA-Terror aber ebenfalls ab.