Deutschlands Bundespräsident Horst Köhler hat seine Rolle als Reform-Motivator gleich zu Beginn der Amtszeit gefunden, sie aber bisher kaum wahrgenommen.
Berlin. Sein erster großer Auftritt war fulminant. Horst Köhler eröffnete seine Amtszeit als neunter deutscher Bundespräsident am 1. Juli mit einer brillanten Rede, die seine Unterstützer aus den Reihen der Opposition und Vertreter der rot-grünen Regierungskoalition gleichermaßen begeisterte. Am Rednerpult stand ein Staatsoberhaupt, das einen völlig neuen Ton anschlug, nicht salbungsvoll, sondern schnörkellos und witzig.
Kaum vereidigt, schien der 61-Jährige schon seine Rolle gefunden zu haben, als Mutmacher für bittere Reformen, um die Deutschland nicht herumkommt. Doch wer geglaubt hatte, der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) werde sich fortan energisch ins politische Tagesgeschäft einschalten, der irrte. Köhler dosierte seine Kontakte mit Medien, als wollte er sein Pulver noch für spätere rhetorische Salven trocken halten.
Seit Wochen strömen in ganz Deutschland, zumal im Osten, Menschenmassen auf die Straßen, um gegen die Kürzungen bei der Langzeitarbeitslosenhilfe zu protestieren. Doch der Bundespräsident hält sich nobel zurück. Nur einmal, in der "Bild am Sonntag", hat er sich zum grassierenden Hartz-IV-Fieber zu Wort gemeldet und bei dieser Gelegenheit vor "Panikmache" gewarnt.
Ein Medien-Präsident wird Köhler wohl nicht werden. Er zieht es vor, mit öffentlichen Stellungnahmen sparsam umzugehen, um so deren Wert zu erhöhen. Köhler, der zuweilen fast schüchtern wirkt, ist auch nicht der Typ, der ins Rampenlicht drängt.
Im Zuge seiner politischen Laufbahn war es Köhlers Stärke, solide Sacharbeit im Hintergrund zu leisten. Er brütete die Ideen aus, verkaufen mussten sie andere. Gerhard Stoltenberg (CDU) zum Beispiel. Er ist Köhlers vielleicht wichtigster Mentor. 1981 holt der damalige Ministerpräsident Schleswig-Holsteins den aufstrebenden Doktor der Wirtschaftswissenschaften in seine Staatskanzlei nach Kiel. Nur ein Jahr später wird Stoltenberg als Bundesfinanzminister nach Bonn gerufen - und nimmt seinen Schützling mit. Der steile Aufstieg beginnt.
1990 erreicht Köhler seinen ersten Gipfel. Finanzminister Theo Waigel (CSU) macht den Geldexperten zu seinem Staatssekretär. Köhler handelt die Währungsunion mit der DDR aus und bringt später beim Tauziehen um den Maastricht-Vertrag den Euro ins Rollen. Wenn Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) an Wirtschaftsgipfeltreffen der Großen Sieben (damals noch ohne Russland) teilnimmt, ist Köhler sein "Sherpa", der das Ziel und alle möglichen Routen dorthin stets abrufbereit im Kopf hat.
Im Jahr 1993 schlägt Köhler plötzlich einen anderen Weg ein. Er verlässt die Regierung. Aus persönlichen Gründen. Seine Tochter Ulrike erblindet. Köhler will mehr Zeit mit ihr verbringen und nicht mehr so viel verreisen. Der Job, in den Köhler wechselt, ist zudem lukrativ. Er wird Präsident des deutschen Sparkassen- und Giroverbands.
Fünf Jahre später überredet ihn Kohl, den Posten als Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London anzunehmen. Von dort geht es 2000, diesmal auf Bitte des SPD-Regierungschefs Gerhard Schröder, nach Washington, an die Spitze des Internationalen Währungsfonds. Heuer im Mai kehrte Köhler in seine Heimat zurück. CDU-Chefin Angela Merkel hatte ihn als neuen Bundespräsidenten vorgeschlagen.
Eine erstaunliche Karriere für jemanden, der als Flüchtlingskind geboren wurde. Zur Welt kam Köhler am 22. Februar 1943 im ostpolnischen Skierbieszw. Seine Eltern, deutschstämmige Bauern aus Bessarabien (heutiges Moldawien) waren dorthin zwangsumgesiedelt worden. Die Familie musste weiterziehen, auf der Flucht vor der Roten Armee. Vor ihrer endgültigen Station im schwäbischen Ludwigsburg ließen sich die Köhlers zunächst in Markkleeburg-Zöbigker nieder, einem kleinen Nest bei Leipzig. Im Taufbuch der Pfarrgemeinde findet sich übrigens eine interessante Eintragung: Als Köhlers Geburtsort ist St. Pölten angegeben. Warum, das ist bis heute ein Rätsel.
Seine erste Auslandsreise sollte den Bundespräsidenten, nicht zuletzt wegen seiner eigenen Geschichte, nach Polen führen. Doch es kam anders. Thomas Klestil starb, und Köhler flog zu dessen Begräbnis nach Wien. Am Rande der Trauerfeierlichkeiten vereinbarte man den offiziellen Besuch, den Köhler seinem Amtskollegen Heinz Fischer und Bundeskanzler Wolfgang Schüssel abstattet. Den Abschluss der Visite wird der Gast aus Berlin wohl entspannt genießen können. Er besucht das Fußball-Ländermatch Österreich gegen Deutschland.