Doppelt entblößt: Hirst in der Votivkirche

Damien Hirst, Votikvkirche
Damien Hirst(c) EPA (ANDY RAIN)

In der Votivkirche zeigt ab Ende April eine internationale Gruppenausstellung Kunst, die sich mit dem Körperlichen und Sinnlichen befasst. Nicht unbedingt im religiösen Sinn. Und das ist auch gut so.

Die Flüchtlingskirche wird für eineinhalb Monate zur Kunstkirche: In der Votivkirche findet ab 25. April eine außerordentliche Ausstellung statt, die allerdings schon jetzt in Teilen zu sehen ist. Gestern, Freitag, wurde das Schlüsselwerk der Schau den Transportkisten enthoben – eine tonnenschwere Bronzeskulptur von Damien Hirst, dessen Präsenz sich in den nächsten Wochen in Wien und Umgebung noch steigern wird: Im Arnulf-Rainer-Museum in Baden wird der britische Kunstmarktstar ebenso präsent sein wie in der Galerie Suppan Contemporary.

Doch was treibt Hirst in die und in der Votivkirche? Wie ernst kann seine Aussage, auf seine späteren Tage noch ein religiöser Künstler zu werden, genommen werden? Er tätigte sie, angesichts einer weißen Taube, die er unlängst in Formaldehyd einlegte, erzählt der australische Kurator David Rastas. Vorbei anscheinend die Tage der wilden Haie und halbierten Kälber. Wobei in Hirsts Werken, waren sie auch noch so spekulativ, immer die Frage nach Tod und ewigem Leben mitschwang. Rastas, Mastermind hinter der Votivkirchen-Ausstellung, wählte für seine Zwecke aber die naheliegendste Arbeit des Künstlers mit katholisch-irischer Mutter: Eine auf den ersten Blick am ehesten provokant konservativ wirkende Bronzeskulptur des heiligen Bartholomäus. Der schauderhaft, wahrscheinlich Anfang des ersten Jahrhunderts nach Christus in Galiläa bei lebendigem Leibe gehäutet und danach kopfunter gekreuzigt wurde. Seit dem 13. Jahrhundert wird das Martyrium des Apostels gern in aller Drastik dargestellt, mit der eigenen Haut über dem Arm. Das berühmteste Beispiel dafür schuf Michelangelo in der Sixtina, der angeblich in den Zügen des Skalps sein Selbstporträt versteckte.

Diese Hybris hat Damien Hirst überraschenderweise nicht geritten, ihn interessierte eher die Verbindung zur Anatomie, wie man an den anatomischen Werkzeugen erkennt, die er in den Sockel eingelassen hat. Denn die Darstellung des Bartholomäus eignete sich für Künstler immer schon besonders gut dafür, den Körperaufbau freizulegen, die Figur ist daher genauso eine Schlüsselfigur in der Beziehung zwischen Wissenschaft und Kunst wie in der Beziehung zwischen Religion und Körper, „Leiblichkeit und Sexualität“ – so der Titel der Gruppenschau in der Votivkirche.

Als theologische Basis, die hier zwar als Subtext, nicht aber als Erklärung der ausgestellten Kunst dient, bezieht sich der in Wien lebende Kurator auf Aussagen von Papst Johannes Paul II. zu Körper und Sexualität, die der ebenfalls in Wien lebende, in Kanada geborene Pater George Elsbett aus dem Orden der „Legionäre Christi“ analysiert und in zehn Begriffe zusammengefasst hat; sie werden im Rahmen der Ausstellung erstmals publiziert: der Körper, die Einsamkeit, die Unschuld, die Gemeinschaft, die Nacktheit, die Lust, die Scham, die Erlösung des Herzens, der innere Blick, die bräutliche Bedeutung des Körpers.

Hirsts doppelt entblößter Körper des heiligen Bartholomäus wurde der Scham zugeordnet, so wie jedes der Werke der rund 25 Künstler von einem Begriff begleitet wird. Illustrieren tun sie gar nichts, was eine große Qualität dieser Schau ist, die in die entlegensten (und verkommensten) Winkel dieses seit einer gefühlten Ewigkeit von Werbung und Restaurierung vermummten Kirchengebäudes führt. In einer völlig von Gerümpel verstellten Kapelle im Chorumgang etwa trifft man auf das Video eines anonymen Künstlers, der ein verstaubtes Kruzifix sorgfältig sauber leckt. Man denkt sich schon – hier sind keine Kirchengelder im Spiel, das doch mit großem Aufwand betriebene Unternehmen wurde rein privat finanziert, so Rastas, teils von Leuten wie einem mexikanischen Ehepaar, das einfach 40.000 Euro spendete, damit sich die Kirche mit diesem Thema auseinandersetzt.

Dafür ist ein Priester-Künstler vertreten, Hermann Glettler aus Graz, der das schwierige Überthema „bräutliche Bedeutung“ ausgefasst hat: 72 Neonspitzen oder -strahlen, je nachdem, lässt er auf eine marmorne Christus-Figur treffen. Doch nicht immer ist die Zuordnung eindeutig: So zeigt Rastas etwa zum allgemeinen Körper- und Schönheitsbegriff in einer Kapelle ein exotisches Paar – die Kopie einer antiken Herkules-Statue trifft hier auf ein Manga-Mädchen des japanischen Künstlerstars Takashi Murakami. Zwei extreme Schönheitsideale, die zu ihrer Zeit die globalen Leitkulturen bestimmten. Und bestimmen. Von hier zu Hirst ist es nur ein Gedankensprung – die Leiblichkeit des Konsums unterscheidet sich ästhetisch nicht wesentlich von der der katholischen Kirche.

Die Ausstellung wird am 25. April von Francesca Habsburg eröffnet. Bis 15. Juni, Votivkirche.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2014)