In Magdeburg hat es ein 42-jähriger Arbeitsloser geschafft, Massenproteste gegen die Arbeitsmarktreformen zu mobilisieren.
Magdeburg. Fliederfarbene Hose, grünes Hemd, hängende Schultern, unruhiger Blick: Wie ein Volkstribun sieht Andreas Ehrholdt nicht aus. Er spricht auch nicht so. Trotzdem hat es der 42-Jährige geschafft, Massen zu mobilisieren. Zu seiner ersten Demonstration gegen die Arbeitsmarktreformen (Hartz-IV) hatten sich vor zwei Wochen gerade einmal 600 Menschen auf dem Magdeburger Domplatz eingefunden. Montagabend waren es 15.000.
Doch nicht nur in der Hauptstadt des Armenhauses Sachsen-Anhalt marschieren die Enttäuschten mittlerweile, ebenso in Leipzig, Rostock oder Dortmund, in 28 Städten insgesamt. Wie ein Lauffeuer breitet sich die Protestbewegung aus und hat nun auch auf den Ruhrpott im Westen übergriffen.
Es begann in Magdeburg, genauer gesagt in einer ländlichen Gemeinde vor den Toren der Stadt, in Woltersdorf. Dort lebt Andreas Ehrholdt bei seiner Mutter. Und von dort aus organisiert er über Internetforen seine Montagsdemos. Anfangs habe sich keiner gefunden, der voranschreiten wollte, sagt er. "Ich habe es deshalb selbst gemacht. Einer musste ja anfangen."
Ehrholdts politisches Weltbild macht einen verschwommenen Eindruck. Liberal sei er, sagt Erholdt, "aber nicht so liberal wie FDP-Chef Guido Westerwelle". Mitte der 80er Jahre sei er in der SED aktiv gewesen, bis man ihn rausgeworfen habe. 1989 kehrte er dem Arbeiter- und Bauernstaat den Rücken, suchte Zuflucht in der westdeutschen Botschaft in Budapest und landete schließlich in Nordrhein-Westfalen, um wenig später nach dem Fall der Mauer wieder nach Woltersdorf zurückzukehren. Seit sechs Jahren ist er arbeitslos.
Von Parteien will sich der Organisator bei seiner Montagsdemo nicht vereinnahmen lassen. Die PDS folge ihm, nicht umgekehrt, säuselt Ehrholdt. Auch andere Organisationen versuchen, auf den Protestzug aufzuspringen und verteilen ihre Flugblätter an die Demonstrantenschar, die "Marxistisch-leninistische Partei Deutschlands" ebenso wie Neonazis, die allerdings mit gellenden Pfiffen abgewiesen werden.
Es ist eine bunte Truppe, die da hinter dem Megafon-Wagen der Metallergewerkschaft hertrottet. Die Parolen, die durch Magdeburgs gesperrte Straßen hallen, haben einen dumpfen Klang. "Nieder mit Hartz-IV, das Volk sind wir" ist der Schlager des Sommers. So soll der Geist von 1989 wieder heraufbeschworen werden. Ging es damals nicht um mehr? Um Freiheit? Vergessen. Manche haben ein kurzes Gedächtnis und sehnen sich zurück nach der DDR.
Stolz trägt Roland S. die drei Buchstaben auf seinem babyblauen T-Shirt. Er ist 56, Dachdecker und seit zwei Jahren arbeitslos. "Von 331 Euro kann doch keiner leben", schäumt der Ostalgiker. Das ist der Grundbetrag, der laut Hartz-IV-Gesetz ostdeutschen Langzeitarbeitslosen künftig zusteht, unabhängig davon, wie hoch ihr Einkommen früher einmal war. Unter dem Strich kommt dabei für viele, zumal für ehemals Besserverdienende, weniger Geld heraus, auch wenn der Staat bis zu einer bestimmten Quadratmeteranzahl Miet- und Heizkosten übernimmt.
Für großen Ärger sorgt, dass jeder, der die Sozialhilfe, nun Arbeitslosengeld II genannt, beansprucht, sein Vermögen und auch die Ersparnisse seines Lebenspartners detailliert offen legen muss. Stütze bekommt nur, wer bedürftig ist. "Eine Zumutung", krächzt der arbeitslose Krankenpfleger Norman. "In der DDR haben sie uns den Hals nicht so abgeschnürt", ereifert sich der 28-Jährige.
Klaus R., 53, ist da etwas anderer Meinung. Er hat mehrere Jahre im Gefängnis zugebracht, unter anderem wegen Fahnenflucht. Von den Kommunisten will der drahtige Schnurrbartträger nichts mehr wissen. Von den anderen Parteien eigentlich auch nichts. Nur Oskar Lafontaine, ehemals SPD-Chef und als Galionsfigur einer neuen Linkspartei im Gespräch, beobachte er länger. Auch Klaus R. hat sich dem Protestmarsch angeschlossen. Er hat seit einem halben Jahr keinen Job - ein Fernfahrer ohne Destination.
In Magdeburg ist so wie in ganz Sachsen-Anhalt jeder Fünfte arbeitslos, die Hälfte davon seit mehr als zwei Jahren. Untätige, verzweifelte Massen, die Ehrholdt nun in Bewegung gesetzt hat. Am nächsten Montag werden die Magdeburger wieder marschieren. "Solange bis Hartz verschwunden ist", sagt Ehrholdt. Er glaubt daran.