Deutschland: Die Abrechnung des Oskar Lafontaine

Den einstigen Finanzminister zieht es zurück ins Rampenlicht - als Galionsfigur der Linken.

BERLIN. Er hatte die Chance zu gestalten, stand im Zentrum der Macht, war Finanzminister und zugleich Vorsitzender der SPD. Doch am 11.März 1999 warf er alles hin. "Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, ich trete hiermit als Bundesminister der Finanzen zurück. Mit freundlichen Grüßen. Oskar Lafontaine."

So knapp wie möglich hatte er damals sein Rücktrittsschreiben an Gerhard Schröder gehalten. Die ausführliche Abrechnung mit dem Freund und Widersacher sollte später folgen. Sie ist bis heute nicht abgeschlossen.

Vehementer denn je drängt Oskar Lafontaine zurück in die Arena. Den Rücktritt Schröders fordert er ja schon seit längerem unverhohlen. Doch nun droht der Saarländer auch ultimativ mit einem Wechsel zu einer neuen Linkspartei, falls die SPD nicht ihren Kurs ändert.

Was hat Oskar Lafontaine vor? Plant der 60-Jährige ein Comeback, vielleicht gar als Galionsfigur der "Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit", die sich mit gewerkschaftlicher Unterstützung links von der SPD formiert? Deutschlands Parteienlandschaft wäre über Nacht umgepflügt, die SPD in ihrer offenen Flanke getroffen. Schon werden Spekulationen gewälzt, die neue Wahlalternative könnte gemeinsame Sache mit der PDS machen. Die einen holen die Stimmen im Westen, die anderen im Osten.

Womöglich noch mit Oskar Lafontaine und Gregor Gysi als Führungsgespann. Denn auch den wortgewandten Medienstar der Post-Kommunisten reizt es trotz eines kranken Herzens wieder unüberhörbar, in den Ring zu steigen. Mit zwei Volkstribunen an der Spitze bräuchte so einem Bündnis nicht bange um den Einzug in den Bundestag sein. Zittern müssten die anderen, besonders die SPD.

Doch noch scheint sich Lafontaine nicht entschieden zu haben. Der gelernte Physiker zögert, ob er seiner Partei wirklich endgültig den Rücken kehren soll. Es gehe ihm vor allem darum, für eine Richtungsänderung innerhalb der SPD zu kämpfen, beteuert er.

Die SPD-Funktionärsriege hat dem sprunghaften Saarländer nie verziehen, dass er sich aus der Verantwortung geflüchtet hat. Einige Genossen schlössen Lafontaine am liebsten aus. Doch dann triebe man ihn in die Arme der Wahlalternative. Das will in der SPD dann doch niemand. Lafontaine wartet indessen ab, was die Kommunal- und Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen im Herbst und im Frühjahr bringen. Denn wenn die rote Hochburg an Ruhr und Rhein krachend zusammenstürzt, dann könnte er sein großes Ziel schon vor der Zeit erreicht haben: das Ende der Ära Schröder.

Dem um ein paar Monate jüngeren Niedersachsen mit den flotten Sprüchen und dem telegenen Raubtierlächeln, hatte er 1998 den Vortritt gelassen, als es gegen Helmut Kohl ging. Doch die Richtung wollte Lafontaine immer selbst vorgeben. Das musste schief gehen, sobald die beiden an einem Kabinettstisch saßen. Denn von seinem Finanzminister, noch dazu einem mit klassenkämpferischen Tönen, wollte sich der Kanzler nicht lenken lassen. Die Männerfreundschaft hatte man bloß für die Kameras und den Wahlsieg inszeniert. Sie war nie viel mehr als ein Zweckbündnis zweier Machtmenschen gewesen.

Lafontaines Flucht ins Private währte nicht lange. Wie ein Zirkuspferd zog es ihn bald wieder zurück in die Manege. Ein Ex-SPD-Chef, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit lustvoll gegen den Bundeskanzler stänkerte, war immer ein gern gesehener Gast in Talk-Shows. So jemandem räumte auch die "Bild"-Zeitung mit Freude eine Kolumne ein.

"Halt's Maul, trink deinen Rotwein", rief ihm Günter Grass entnervt zu. Doch so ganz wollte sich Lafontaine nie an den profanen Rat des Literaturnobelpreisträgers halten. Mit dem allgemeinen Unmut über Schröders verspätete Reformagenda 2010 schwollen auch die keynesianischen Bocksgesänge des Saarländers wieder an.

Sein Auftritt - sein erster großer in der Öffentlichkeit seit langem - am Montag bei der der Demonstration in Leipzig gegen die Arbeitsmarktreform "Hartz IV" wird ein Test sein, ob der begnadete Redner noch ankommt beim Publikum.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.