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Sibel Kekilli: "Lieber tot als auf dem Thron"

Sibel Kekilli:
Sibel Kekilli(c) imago (Future Image)
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Schauspielerin Sibel Kekilli im "Presse"-Gespräch über ihre Rolle in der HBO-Serie "Game of Thrones", den Zufall, der sie zum "Tatort" brachte, und die Politik in der Türkei.

Andrew Lincoln, der Hauptdarsteller einer weiteren erfolgreichen TV-Produktion namens „The Walking Dead“, hat noch nie eine Folge seiner Serie gesehen. Verfolgen Sie „Game of Thrones“ im Fernsehen?

Sibel Kekilli: Ich habe es zwei Staffeln lang versucht und es auch geschafft, die Serie nicht zu sehen. Die Produzenten sagten zu mir: Jetzt schau es dir einmal an. Und ich dachte mir, es ist so respektlos zu sagen, dass ich es noch nie gesehen habe. Am Set gab es eine Szene mit einem jungen Mann. Wer ist denn das, der diesen bösen Menschen spielt, fragte ich eine Kollegin. Sie sah mich ungläubig an und meinte: Es ist der König Sibel, Joffrey. Das war mir peinlich. Nicht zu wissen, wer der König ist. Und seither sehe ich die Serie und bin süchtig geworden.

 

Aus welchem Grund macht die Serie süchtig? Haben Sie die Buchvorlage gelesen?

Nein. Ich wollte sie nicht lesen, weil ich wusste, dass meine Rolle anders wird als im Buch. Was mich daran fasziniert? Dass die Serie einfach konsequent ist, in allem, was geschieht. Ob Krieg, Blut, Liebesszenen. Konsequent ohne Ende und jeden kann es treffen. Ob es Hauptdarsteller sind oder Nebenfiguren. Jeder hat wohl noch die Enthauptungsszene von Ned Stark (Anm. der Redaktion: aus der ersten Staffel) im Kopf.

 

In der Serie spielen Sie Shae, die Prostituierte und Geliebte von Tyrion Lannister. Haben Sie Autor George R. R. Martin gefragt, ob er Sie am Leben erhalten kann?

Ich habe ihm gesagt, wenn du einmal über Shaes Tod nachdenkst: Bitte mache es nicht! Aber ich muss echt sagen, das Besondere an dieser Serie ist, dass keiner sicher ist. Das gilt auch für meine Rolle. Ich würde eine coole Todesszene bevorzugen, als irgendwann auf dem Thron zu sitzen.

 

Fürchten Sie sich vor dem Tag, an dem Sie aus der Serie herausgeschrieben werden?

Ja, so wie alle anderen Schauspieler auch.

 

Wie ist die Zusammenarbeit mit Peter Dinklage, der Tyrion spielt?

Peter ist ein großartiger Mensch. Ich kann uns wirklich Freunde nennen. Er weiß, dass ist eine Rolle und ein Job, und weiß es zu schätzen. Aber er lässt sich vom Hype jetzt nicht beeindrucken. Einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zusammenarbeiten durfte.

 

Die Serie hat zum Auftakt der vierten Staffel nichts an Brutalität eingebüßt, aber noch an fein dosiertem Humor dazugewonnen. Vor allem in den Szenen mit Dinklage.

Der englische Begriff, der auf ihn zutrifft ist witty, also besonders geistreich. Er hat diesen intelligenten Humor und hat das auch in vergangenen Staffeln versprüht, auch wenn es nicht verbal, sondern manchmal nur ein kurzer Blick war. Aber der Humor der Serie ist natürlich auch Dan und David zu verdanken.

 

In „Game of Thrones“ gibt es ganz unterschiedliche Frauenbilder und -charaktere. Würden Sie lieber Königin Cersei oder Drachenmutter Daenerys spielen?

Ich mag Shae, so wie sie ist.

 

Was gefällt Ihnen an der Figur?

Sie ist loyal und ehrlich. Manchmal spricht sie schneller, als sie denkt. Aber sie ist für andere da. Für Sansa etwa oder eben auch für Tyrion, als keiner mit ihm etwas zu tun haben wollte.

 

Es werden gern Parallelen zur aktuellen Weltpolitik gezogen und Vergleiche bemüht. Zu Recht?

Weltweit geht es in der Politik doch auch um Macht und Manipulationen. Nur Drachen gibt es keine.

 

Man kennt Sie aus den deutsch-türkischen Dramen „Gegen die Wand“ und „Die Fremde“, aber auch aus dem Fernsehen: Als „Tatort“-Kommissarin Sarah Brandt an der Seite von Axel Milberg. Wie kam es dazu?

Ich habe 2009 Axel Milberg kennengelernt und zwar in Ilomantsi in Finnland. Ich hatte dort Urlaub gemacht. Er hatte dort gedreht. Ich besuchte den Set und er hat mich später für den "Tatort" vorgeschlagen.  Damals gab es noch die Grenzen in den Köpfen zwischen Kino- und Fernsehschauspielern. Aber damals meinten sogar manche Regisseure: Also ich weiß nicht Sibel, ob es richtig ist, vom Kino ins Fernsehen zu gehen, zu einer fixen Rolle. Ich dachte mir, warum nicht. Es hat sich ausgezahlt, inzwischen gibt es diese Zweiteilung nicht mehr wirklich So kam ich zu meiner Rolle: Ausgerechnet in Finnland, an der russischen Grenze zu Russland, wo ich Urlaub machte. Die Geschichte kann man eigentlich gar nicht besser schreiben.

 

Sie engagieren sich für Frauenrechte und gegen Gewalt an Frauen in islamischen Ländern. Wie viel Zeit bleibt neben der Schauspielerei dafür?

Ich muss leider sagen, dass ich aktuell nicht so viel Zeit für „Terre des Femmes“ habe, wie ich es gern hätte. Und wenn ich etwas mache, dann möchte ich es richtig machen. Ich engagiere mich auch für das World Food Programme. Beide Organisationen sind mir wichtig.

 

Vor Kurzem fanden in der Türkei Kommunalwahlen statt. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige politische Situation in der Türkei? Beschäftigt Sie das?

Das beschäftigt mich sehr. Ich finde, dass dieser Erdoğan perfekt auf diesen Thron passen würde. Also den „Game of Thrones“-Thron, im negativen Sinne natürlich. Erdoğan ist machtgierig, manipulativ und anstatt sein Volk zu einen, entzweit er es. Ich finde es grausam und diktatorisch, dass alle, die frei denken, verfolgt werden.

 

Zurück zu „Game of Thrones“: Haben Sie nach dem Erfolg der Serie weitere Angebote aus den USA erhalten?

In „Homeland“ würde ich gern mitspielen.

 

Ihre Lieblingsserie?

Ja, eine der Lieblingsserien. „Sopranos“ war für mich die ultimative Serie. „The Walking Dead“ schaue ich mir auch gerne an. Zurück zur vorherigen Frage: Es gibt mehr Aufmerksamkeit und Anfragen für Castings. Bei manchen merke ich aber, dass sie versuchen, etwas Ähnliches wie „Game of Thrones“ zu machen. „Game of Thrones“ ist wie ein Lottogewinn für mich. Ich bin so hoch eingestiegen, auf so einem hohen Level. Es kann wahrscheinlich in diesem Bereich erst einmal nichts Besseres nachkommen. Oder man macht eben etwas ganz anderes. Ich weiß auch, dass sie dort nicht unbedingt auf deutsche Schauspieler warten.

 

Mit welchem Filmemacher würden Sie denn gern zusammenarbeiten?

Michael Haneke mag ich sehr. Ein Österreicher. Mit ihm würde ich gern drehen. Oder mit Woody Allen oder Quentin Tarantino.

 

Wieso ausgerechnet Tarantino?

Weil er vielseitig ist. Seine Filme beweisen Mut. Und er hat eigenlich Christoph Waltz von Neuem entdeckt. Noch ein Österreicher.

Die "Bild"-Zeitung titelte 2011 aber "Oscar-Star Christoph Waltz ist kein Ösi, sondern Deutscher".

Der ist für mich aber Österreicher. Ich gönne Christoph Waltz den Erfolg sehr. Der wurde hier lange Zeit nicht anerkannt und nicht gesehen. Und er ist ein grandioser Schauspieler. In "Inglourious Basterds" ist er so gut, aber auch in "Django Unchained". Ab dem Moment, als er in diesem Film nicht mehr zu sehen war, hatte ich keine Lust mehr auf den Film.

 

Das Interview fand in Hamburg statt. Die Kosten wurden von Sky übernommen.

Steckbrief

1980
Sibel Kekilli wird am 16. Juni 1980 als Tochter türkischer Einwanderer in Heilbronn geboren.

2004
Kekilli spricht für Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ vor und bekommt die Hauptrolle. Sie erhält 2004 u. a. den Deutschen Filmpreis.

2009
In Finnland lernt sie Axel Milberg am Set kennen. Er schlägt sie für eine Rolle beim „Tatort“ vor. Seit 2011 bilden die beiden das Kieler Ermittlerduo Klaus Borowski und Sarah Brandt.

2010
Die Produzenten der HBO-Serie „Game of Thrones“ laden Kekilli zum Casting ein, nachdem sie „Gegen die Wand“ gesehen haben. Sie spielt in der US-Serie Shae, die Geliebte von Tyrion Lannister.



Die vierte Staffel von „Game of Thrones“ ist in Österreich seit 7. April auf Sky Go und Sky Anytime zu sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2014)