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Der Kaiser und seine "Tiroler im Osten"

UKRAINE LVIV
Lemberg / LwiwEPA
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Die Habsburger liebten ihre Ruthenen, die treuen ukrainischen Untertanen im Osten des Vielvölkerstaates. Dann kam das Jahr 1914, und alles wurde anders. Tausende Ukrainer starben in den Internierungslagern.

Die Strahlen der habsburgischen Sonne reichten nach dem Osten bis zur Grenze des russischen Zaren.“ Es ist nicht schwer zu erraten, wo dieser Satz steht: in Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“, seinem Abgesang auf den Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn.

Roth kannte das bunte Gemisch in den östlichen Provinzen des Habsburgerreiches, er war dort aufgewachsen. Doch ein Volk gehörte zu seinen besonderen Lieblingen auf der Völkerkarte der Monarchie: die Ukrainer. Wenn sie in seinem Werk auftauchen, behandelt er sie immer mit ganz besonderer Liebe. Am Ende des ersten Teils von „Radetzkymarsch“ hört der gerade einschlummernde Leutnant Trotta das wehmütige Lied der ukrainischen Bauern: „Oh, unser Kaiser ist ein guter, braver Mann, und unsere Herrin seine Frau, die Kaiserin.“ Dass die Kaiserin in diesem Jahr schon längst tot war, wussten sie nicht, sie konnten nicht lesen.

Das Armenhaus der Monarchie. Große Hochachtung genoss das Siedlungsgebiet der Ukrainer nicht: Man blickte in der Residenzstadt mit Verachtung auf das arme Kronland im Osten. Das „Königreich Galizien und Lodomerien“ gehörte zwar schon seit Marias Theresias Zeiten zu den österreichischen Besitzungen, zusammen mit der Bukowina waren sie aber das Armenhaus der Monarchie, das „Königreich der Nackten und der Hungernden“ (so der Historiker Norman Davies). Die Wiener neigten dazu, alles, was sich irgendwie östlich der Reichshauptstadt tummelte, als unterentwickelt und verachtungswürdig anzusehen. Man glaubte hinreichend Bescheid zu wissen über die Verhältnisse dort im Osten. Der Schriftsteller Karl Emil Franzos hatte seinen populären Reisebericht aus Galizien mit dem Titel „Aus Halb-Asien“ versehen, was wohl suggerieren sollte: weit weg von jeder Zivilisation. Die Leser der „Neuen Freien Presse“ liebten diese „Kulturbilder“, sie erschienen in Fortsetzungen von 1874 bis 1876.

Die Reise in die 550 Kilometer Luftlinie entfernte galizische Hauptstadt Lemberg war mit der Bahn damals einfacher als heute. Am Praterstern stieg man in die Kaiser-Ferdinands-Nordbahn, durchquerte Mähren und Österreich-Schlesien und erreichte die galizische Grenze bei Auschwitz, entlang der Weichsel ging es zum Fluss San über die große Festung Przemyśl nach Lemberg. Wenn der Reisende an den Bahnhöfen ausstieg, merkte er, dass die Bauern auf den Bahnsteigen östlich von Przemyśl nicht mehr polnisch sprachen, sondern ukrainisch. Unser Reisejournalist Franzos dürfte wenig Gespür für kulturelle Vielfalt und die malerische galizische Landschaft gehabt haben. Denn: „Wer auf dieser Bahn reist, wird vor Langeweile sterben, wenn er nicht vor Hunger stirbt.“

Nebeneinander lebten im multinationalen Galizien Polen, Ukrainer, Juden, Deutsche usw., insgesamt acht Millionen Einwohner, davon mehr als die Hälfte Ukrainer. Sie trugen im Habsburgerreich den offiziellen Volksnamen Ruthenen, da hatte jemand in alten Chroniken gestöbert und das lateinische Ruthenia für das alte Kiewer Reich „Rus“ gefunden. Über vier Millionen Ruthenen lebten um 1910 geballt im östlichen Galizien, es entspricht der heutigen Westukraine. Sie waren als eigener „Volksstamm“ anerkannt, besuchten ukrainische Volksschulen und durften Vertreter in den Reichsrat entsenden. Ukrainisch war als Amtssprache anerkannt.

Eine eigene nationale Identität auszubilden blieb den Ukrainern lange verwehrt. Sie galten daher als brave kaisertreue Untertanen, als „Tiroler des Ostens“, auf die man sich verlassen konnte. Die Masse der halbleibeigenen Bauern auf dem Land konnte weder lesen noch schreiben, eines hat sie außer der bitteren Armut verbunden: der Hass gegen die polnischen Feudalherren, denen sie dienten und von denen sie als dummes Volk von Bauern und Popen gesehen wurden. So entwickelte sich eine ständige nationale Auseinandersetzung mit der polnischen Oberschicht, zunächst noch mehr Klassenhass als ukrainischer Nationalismus.

Die einzige Abwechslung für Bauern in traditionellen Gesellschaften waren Wallfahrten, man lernte zumindest vorübergehend andere Leute, andere Lebenswelten kennen. Die Wallfahrten der Ruthenen führten sie oft über die Grenze nach Russland, kein wirklicher Milieuwechsel, auch jenseits der Grenze lebten die „eigenen“ ukrainischen Leute und der Ritus der orthodoxen Religion unterschied sich nicht so sehr von dem griechisch-katholischen. Den österreichischen Behörden erschien diese Bauernpilgerei als staatsgefährliche Aktivität, Kontaktnahme mit dem potentiellen „Feindesland“. Unruhe stiftete das Gerücht vom „besseren Leben“ in Russland. Es entstand der Mythos vom Zaren, der kommen würde, um die verhassten Polen und Juden aus Ostgalizien zu vertreiben, eine naive Übertragung der Untertanengläubigkeit vom Kaiser in Wien zum Zaren in Petersburg.

Auch die intellektuellen Ukrainer stützten sich zum Teil auf slawophile Thesen von der Stammesverwandtschaft mit den Russen. Vor allem jene, die trotz der andauernden Zusagen von der Politik Österreichs enttäuscht waren, öffneten sich nun für die Propaganda des Zarenreichs. Wien wurde immer besorgter, wurden die „Tiroler des Ostens“ abtrünnig? Kurz vor Ausbruch des Kriegs von 1914 war die Atmosphäre der Verdächtigungen im Grenzgebiet angespannt. Die russische panslawistische Agitation war für Wien besorgniserregend, hieß es doch, die galizischen Soldaten sollten im Kriegsfall ihre Gewehre nicht gegen die „russischen, brüderlichen Soldaten“ richten, sondern vielmehr das österreichische Joch abschütteln.

Massenverhaftungen. Dann kam der Krieg, und da übernahmen die Militärs das Kommando in Galizien. „Der Krieg der österreichischen Armee begann mit Militärgerichten“ (Joseph Roth). Das österreichisch-ungarische Oberkommando witterte überall Russophile, es kam zu Massenverhaftungen und Hinrichtungen ohne Urteil. Austrophile Ukrainer denunzierten russophile bei den Behörden. Zu den politisch Verdächtigen gehörte man schon, wenn man eine russische Zeitung abonniert hatte. Doch die Mehrheit hielt Österreich die Treue.

Österreich merkte jetzt, was es all die Jahre versäumt hatte: Durch mehr Interesse für die nationale Bewegung aller Ukrainer hätte man das Zarenreich schwächen können. Man hätte ihr nationales Selbstbewusstsein heben müssen, die Vorzüge der k.u.k. Verwaltung, die alle loyalen Bestrebungen der Nationalitäten fördert, hervorheben sollen. Es gab zwar Pläne, Galizien zu teilen und dadurch die Ukrainer von den gehassten Polen zu trennen, doch die Schaffung eines ukrainischen Kronlandes mit Zusammenfassung aller ukrainisch besiedelten Gebiete scheiterte. Zu schwach war die politische Position der Ukrainer. So blieb die „ukrainische Frage“ bis 1918 ungelöst, und dann war es zu spät.

Das Schicksal der russophilen Ukrainer in den Jahren 1914 und 1915 erschütterte viele Zeitgenossen. Galizien wurde neben Serbien zum Hauptschauplatz von Kriegsverbrechen. Kaiser Franz Joseph gab seinem Unmut über diese Terrorwelle gegen die eigene Bevölkerung nach einem Massaker an Zivilisten Ausdruck. Die Schnellgerichtsverfahren wurden von Karl Kraus in seinem Weltkriegs-Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ gegeißelt. Der Lyriker Georg Trakl berichtet aus einer galizischen Stadt (er nannte sie in seinem berühmtesten Gedicht „Grodek“): „Eine Gruppe unheimlich regungslos beisammenstehender Bäume, an deren jedem ein Gehenkter baumelte. Ruthenen, justifizierte Ortsansässige.“

Die Schandtaten sind nicht vergessen. In der westukrainischen Kleinstadt Halytsch findet sich eine Gedenktafel, die an Einwohner der Stadt erinnert, die „unter dem österreichisch-ungarischen Joch im Lager Talerhof für den russischen Namen litten“. Sie gehörten zu jenen, die der Kollaboration mit den Russen bezichtigt und in Internierungslager gebracht wurden. Die meisten Lager für Deportierte wurden im Waldviertel eingerichtet, ein „ewiges Schanddenkmal dieses Staates“ (Karl Kraus) war das Lager Graz-Thalerhof, in dem von 1914 bis 1917 insgesamt etwa 30.000 politisch Verdächtige, vor allem Ruthenen, interniert waren. In der Ukraine wird die Erinnerung an Thalerhof – im Unterschied zu Österreich – wachgehalten.

Die Bildung eines ukrainischsprachigen Staates ist der erwachenden Nation zunächst nicht gelungen, am 31. Oktober 1918 erhielten die Ukrainer das nationale Recht auf Selbständigkeit aus Wien zuerkannt, das war politisch folgenlos. Trotzdem „wurde die Habsburger Monarchie – vielleicht ungewollt – zur Wiege der ukrainischen nationalen Bewegung“ (sagt die Historikerin Anna Veronika Wendland). Die heute zutage tretenden Unterschiede zwischen West- und Ostukraine seien auf die austroukrainische Politik vor 1918 zurückzuführen. Träger der ukrainischen Revolution des Vorjahres ist die Westukraine, das ehemalige österreichische Gebiet.

Die Ruthenen

7,9

Prozent der Bevölkerung Österreich-Ungarns waren 1910 Ruthenen bzw. Ukrainer.

3,5 Mio.


davon lebten in der österreichischen Reichshälfte, 4,7 Mio. in der ungarischen.

1772

kam Galizien zu Österreich, es existierte als Kronland bis 1918.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2014)