Breitenecker: "Besser, man kannibalisiert sich selbst"

Markus Breitenecker
Markus Breitenecker (c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Puls4-Chef Markus Breitenecker kritisiert, dass der ORF mit Gebührengeld überhöhte Preise für (Sport-)Rechte bezahlt. Er fordert mehr "Zusammenhalt" in der Branche – und startet demnächst einen neuen TV-Sender.

Ihnen hat die „Presse am Sonntag“, die der ORF gestaltet hat, nicht gefallen. Vielen Lesern – und naturgemäß uns – schon. Was hat Sie gestört?

Markus Breitenecker: Ich war ein wenig neidisch, dass der ORF so viel Platz für Sonntagsreden und Promotion bekommen hat.

Wo war die Promotion?

Etwa die Logo-Integration in jedem zweiten Bild. Aber meine Kritik ist eine an der ORF-Führung, nicht an der ORF-Mannschaft. Ich finde, dass die Redakteure einen heroischen Unabhängigkeitskampf führen und erstaunliche Qualität produzieren. Und wir wissen aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, gute News zu machen. Zu den Beiträgen der ORF-Führung könnte man die eine oder andere kritische Anmerkung machen.

Die da wäre?

Wenn wir den digitalen Tsunami, der vor allem aus dem Silicon Valley kommt, überleben wollen, dann müssen wir Österreich neu erfinden und zu einer Start-up-Nation machen. Dazu müssen wir die unfairen Wettbewerbsverzerrungen, die in Österreich herrschen, beenden und einen echten nationalen Schulterschluss zustande bringen, der völlig neue Kooperationen in der Kreativ- und Medienlandschaft ermöglicht.

Und zwar?

Der Staat soll Start-ups fördern. Die staatlichen Beihilfen von über 600 Millionen Euro pro Jahr für den ORF sind nicht dazu da, dass damit der Wettbewerb gegen österreichische Print-, Privat-TV- und Online-Unternehmen mit unfairen Waffen gewonnen wird. Die Gebühren sollen dazu eingesetzt werden, Public-Value-Services anzubieten, die auf dem Markt nicht existieren würden.

So etwas wie Ö1?

Nicht nur. Wir wollen nicht, dass sich der ORF auf einen Kultur- und Informationsspartensender reduziert, er soll zwei Vollprogramme und die Spartensender betreiben, auch Unterhaltung im angemessenen Umfang. Er soll meinetwegen sogar mehr kommerzielle Rechte haben als wir Privaten – aber nicht alle. Derzeit kauft er auf Kosten von Ö1, FM4 und ORF III viel zu teure Kommerzrechte.

Sie spielen auf die Fußball-Champions-League an, die ab 2015/16 wieder im ORF zu sehen sein wird. Derzeit läuft Sie auf Puls 4. Sieht also nach dem Prinzip „Einmal der eine, einmal der andere“ aus.

Das wäre okay, wenn das in einem fairen Wettbewerb abliefe. Wir beschweren uns darüber, in welcher Form der ORF uns die Champions League weggenommen hat, und dass er uns unsere Beschwerde als Aggressivität auslegt. Dabei verwenden wir das gelindeste Mittel. Wir rufen nicht nach Förderungen, nicht nach Gesetzesänderung, stellen das öffentlich-rechtliche System nicht infrage. Wir sagen dem ORF nur: Das von euch beeinflusste, sehr ORF-freundliche Gesetz muss bitte wenigstens eingehalten werden. Und die Champions League ist das Paradebeispiel dafür, wie das Gesetz nicht eingehalten wurde – wenn die gesetzliche Bestimmung anwendbar ist, dann hier.

Vielleicht können Sie Außenstehenden erklären, was der ORF hier konkret falsch gemacht hat, dass Puls4 eine Beschwerde bei der Komm-Austria eingebracht hat?

Er hat die Gebührengelder verwendet, um ein höchst attraktives, kommerzielles Toprecht vom Markt wegzukaufen. Das ist deshalb wettbewerbsverzerrend, weil mit staatlicher Beihilfe stark überhöhte Preise bezahlt wurden.

Wie kann man die völlig überhöhten Preise beweisen?

Wir haben bereits die Antwort des ORF auf unsere Beschwerde. Wir haben vermutet, dass der Preis weit über unserem Gebot gelegen ist. Dem wird vom ORF nicht einmal widersprochen, aber er verschweigt die Summe und versucht, der Behörde weiszumachen, dass Puls4 die Rechte gar nicht wirklich wollte, was absolut lächerlich ist bei den Summen, die im Spiel sind.

Sie kritisieren, dass der ORF-Generaldirektor Reden à la „Der ORF und die Privaten müssen kooperieren“ hält, aber nicht danach handelt.

Man kann nicht nach „Zusammenhalt“ rufen und die digitalen Hauptkonkurrenten promoten. Der ORF bewirbt in jeder Informationssendung gratis Facebook und Twitter und schenkt seine teuer produzierten Inhalte YouTube und tut nichts dagegen, dass dort die ORF-Sendungen illegal hochgeladen werden. Aber gleichzeitig verhandelt er seit Monaten mit den Printverlegern, wie viel Prozent der Werbeerlöse sie ihm für Videos auf den Webseiten abgeben sollen.

Es gibt keine Puls4-Videos auf YouTube?

Natürlich, aber wir gehen mit Klagen gegen die Rechtsverletzungen vor, wenn wir keine Einigung finden. YouTube verdient durch die Vermarktung von nicht freigegebenen Inhalten sehr viel Geld, indem sie vor und nach nahezu jedem Video eine Werbung platzieren. Aber wir haben bei unserer letzten Neugründung „Studio 71“ auch Berührungspunkte mit YouTube – wir kooperieren mit jungen Kreativen und Webstars, ermöglichen ihnen bei Puls4 zu produzieren, und vermarktet werden sie sowohl auf unseren Plattformen als auch auf YouTube.

Wie könnte das „Zusammenhalten“ zwischen ORF und Privaten konkret aussehen?

Erstens müsste der ORF seine Kommerzexzesse zurückschrauben. Zweitens müsste er im Onlinebereich aufhören, das Gleiche zu machen wie die Zeitungen. Medien wie derstandard.at oder diepresse.com haben keine Chance, Paywalls einzuführen, wenn der ORF dasselbe Angebot mit Gebührengeld gratis herstellt. Drittens müssen auch die Werbeexzesse eingedämmt werden. Dass dem ORF jetzt auch noch zusätzlich zu den elf Millionen Euro Online-Erlösen die Onlinewerbung in der TV-Thek erlaubt ist, widerspricht nicht nur dem Grundprinzip des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, es ist auch ein Eigentor. Weil die Gebührenrefundierung damit endgültig vom Tisch ist.

Was Sie grundsätzlich freuen müsste.

Ich finde, der ORF soll vor allem Gebühren bekommen und deutlich weniger Werbung. Und die privaten Sender und Zeitungen sollen Werbung bekommen und weniger staatliche Förderung.

Die im Raum stehende Kürzung der Presseförderung um zwei Millionen Euro geht also in Ordnung?

Das Förderunwesen sollte eingedämmt werden. Um uns gegen Google und die Silicon-Valley-Unternehmen zu behaupten, sollten wir Start-ups und Innovationen fördern und nicht anachronistische Systeme. Wir gehen mit der Puls4-Start-up-Show in die zweite Staffel und starten dieses Jahr einen weiteren Fernsehsender.

Wann denn?

Im Laufe des Sommers.

Und in welche Richtung soll der gehen?

Männer. Mehr wird erst Ende April verraten.

Was ist an den Gerüchten dran, dass die Vorabendsendung „Guten Abend Österreich“ gekürzt werden soll?

Mit dem ersten Teil der Sendung sind wir zufrieden, aber nicht mit dem zweiten ab 19.15 Uhr. Den wollen wir bis Hebst reformieren, weil wir dort mit den Quoten noch Potenzial sehen. Daher werden wir dort Inhalt, Studio und Moderation relaunchen. Aber es gibt keine Kürzungen und keinen Personalabbau.

Wie groß ist die Erleichterung, dass ATV mit seiner Daily Soap keinen Erfolg hat?

Gar nicht. Ich hätte ihnen den Erfolg gegönnt, weil ich die Positionierung von ATV in diesem Segment einzigartig finde. Puls4 hat mit Informationsqualität höhere Quoten, aber es gibt da keine Erleichterung. Ich gönne den privaten Freunden jeden Erfolg. Das duale System wird nur dann stark, wenn die Privaten insgesamt stark sind.

Ein Vorwurf des ORF, der immer wieder kommt: Die Österreich-Werbefenster der deutschen Privatsender würden Werbegeld nach Deutschland abziehen.

Ich wundere mich, dass es Wrabetz immer noch gelingt, seine Stakeholder für blöd zu verkaufen. Praktisch jeder Insider weiß, dass das Gegenteil dieser Behauptung stimmt und schlicht ein Werbefenstermythos verbreitet wird. Die Werbefenster sind der Grund, warum Geld in Österreich bleibt und nicht nach Deutschland abgezogen wird. Wir verwenden unsere Gewinne für den Aufbau von Puls4 mit 300 Mitarbeitern und Programminvestitionen im hohen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. Der Gewinn, den wir am Ende an unsere deutschen Shareholder abführen, ist wesentlich geringer als das, was der ORF nach Deutschland abführt. Von „Wetten, dass..?“ bis zur „Millionenshow“, von „Song Contest“ bis „Wanderhure“ – das ist alles Geld, das er ins Ausland verschiebt für etwas, wo die Wertschöpfung nicht in Österreich entstanden ist. Es ist also umgekehrt.

Die größten Konkurrenten im Quotenkampf sind eigentlich die deutschen Sender ProSieben, Sat1, die zu Ihrer Sendergruppe gehören. Wie lebt man mit diesem Dilemma?

Es stimmt, dass uns die deutschen Fernsehsender Zuseher wegnehmen. Das kann man nicht verhindern, weil man keine Betonglocke über Österreich bauen kann.

Aber warum dann noch einen Sender, wenn man ohnehin um Quote kämpft?

Besser man kannibalisiert sich selbst, als die anderen tun es.

Zur Person

Markus Breitenecker (*1968 in Wien) ist Gründer des Privatsenders Puls4 und Geschäftsführer der Sendergruppe ProSieben/Sat1/Puls4 Österreich.

Nach dem Jusstudium in Wien studierte er ein Semester an der London School of Economics.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2014)

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