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Wie gesund ist Skisport mit der Spielkonsole?

Spielkonsole
Spielkonsole(c) Michaela Bruckberger
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Hat Sport im vor dem Computer positive Auswirkungen auf Körper und Fitness? Mit anderen Worten: Bringt Bewegung via Spielekonsole gesundheitliche Vorteile?

Snowboard-Abenteuer im Wohnzimmer, Skifahren in der Küche, ein Tennisspiel im Schlafzimmer – bringt derlei Sport daheim überhaupt irgendetwas? Kann Fitness vor der Spielekonsole Kalorien verbrennen, wird die Muskulatur gekräftigt, die Ausdauer gesteigert? Oder ist der Effekt gleich null und außer Spesen nix gewesen? Die „Presse am Sonntag“ bat vier Experten um ihre Einschätzungen.

Etwas krass formuliert es der Kardiologe und Sportmediziner Josef Niebauer vom Universitätsinstitut für präventive und rehabilitative Sportmedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg: „Die Jugend von heute ist so etwas von unfit, da ist jede Bewegung, die über die des Daumengrundgelenks hinausgeht, ein Gewinn, da bringen virtuelle Fitnessprogramme ganz sicher etwas.“

Studie mit Kindern.
Niebauer zitiert in diesem Zusammenhang auch eine aktuelle US-Studie, an der 75 übergewichtige Kinder 16 Wochen lang teilnahmen. Alle erhielten ein umfassendes Programm zum Abnehmen, eine Gruppe bekam zusätzlich Konsolen mit Bewegungsspielen. Das Resultat in Kürze: Die Kinder mit Konsolentraining waren nach Studienende aktiver, ihre Leistungsfähigkeit hatte zugenommen, bei der anderen Gruppe hat sich diesbezüglich nichts getan. Bewegungsspiele, so die Studienautoren, könnten also eine effektive Strategie sein, um dicke und fettleibige Kinder zu mehr Bewegung zu bringen. Auch hinsichtlich des Körpergewichts scheinen sie eine positive Auswirkung zu haben. Abgenommen haben in besagter Studie beide Gruppen, die Spielgruppe jedoch prozentuell etwas mehr.

Ein stark Übergewichtiger, der seinen Körper nicht in einem Fitnessstudio präsentieren will und vor allem daheim auf der Couch liegt, wird mit regelmäßigem Indoor-Training also schon ein paar unliebsame Fettpolster loswerden und wahrscheinlich auch einen Muskelkater bekommen. Wer aber als mehr oder weniger Normalgewichtiger mit ein paar störenden Extrakilos die Konsole als Kalorienkiller einsetzen möchte, muss sich schon ordentlich ins Zeug legen und ein wahrlich schweißtreibendes Programm wählen. Und das auch möglichst regelmäßig.

Denn wenn Fitnesskonsolen das Schicksal vieler Zimmerfahrräder erleiden und sechseinhalb Tage die Woche mit Missachtung gestraft werden, bleibt das Übergewicht an Bauch und Po und die Kondition im Keller. Regelmäßigkeit und Intensität verlangen auch Muskel- und Fitnessaufbau via Konsolensport.

Leichter und ohne große Schwitzorgien zu erwerben ist da die Koordinationsfähigkeit: Diesbezüglich stellen alle Fachleute dem digitalen Training ein gutes bis sehr gutes Zeugnis aus. Entsprechende Programme fördern Koordination und Balance in zufriedenstellendem Ausmaß. „Gute Koordination lernt man am besten und leichtesten in der Kindheit und Jugend“, weiß Christian Gäbler, Sportmediziner und Chefarzt des Vienna City Marathons. Bekannt ist: Je besser die Koordination, desto besser ist man auch in seinem jeweiligen Sport, desto geringer ist die Sturz- und Verletzungsgefahr.


Kollision mit Möbeln.
„Die Verletzungsgefahr durch Kollisionen mit Möbel, Luster oder Vasen ist beim Wohnzimmer-Work-out gar nicht so gering, das passiert relativ oft“, warnt der Sportmediziner Piero Lercher. „Damit der Wohnbereich möglichst gefahrlos beturnt werden kann, sollte man entsprechende Vorbereitungen treffen.“ Und hinsichtlich der verringerten Sturzgefahr bringe ein digitales Koordinationstraining vor allem älteren Personen viel. Lercher sieht eine interessante Option für Spielekonsolen auch in Pensionistenheimen und im Rehabilitationsbereich. „Das wäre eine anstrebenswerte Zukunftsperspektive.“

„Beim älteren Patienten lässt sich mit Spielekonsolensport ziemlich sicher auch ein Herz-Kreislauf-Training umsetzen, das ist vom sportmedizinischen Aspekt zu begrüßen“, meint Thomas Müllner, Orthopädievorstand am Evangelischen Krankenhaus Wien. Bei reiferen Semestern oder bei Personen, die aus irgendeinem Grund nicht außer Haus können, sei derlei Körperertüchtigung vor der Konsole ein guter Ersatz für Sport, sind sich alle Experten einig.

Sonst aber gelte: hinaus in die Natur, wandern über Wiesen, Tennis- und Ballspiele im Freien, radeln im Grünen, laufen in frischer Luft. Denn auf der Stelle laufen ist nicht so effektiv wie im Freien laufen. „Eine Spielekonsole kann und soll echten Sport in der Natur nie und nimmer ersetzen.“

Allerdings darf man auch den Spaß, den etliche digitale Fitnessprogramme vermitteln, nicht außer Acht lassen. Sehr gut möglich, dass das Vergnügen mit dem virtuellen Trainer zum Sprungbrett für echten Sport wird, dass man mehr will, wenn man gespürt hat, wie gut einem Bewegung tut. „Es ist ganz und gar nicht abwegig, dass Spielekonsolen Lust auf mehr machen und letztendlich zu mehr Bewegung motivieren“, lautet das einhellige Expertenurteil. Und selbst wenn nicht: Jede Minute, in der man sich bewegt, ist eine gewonnene.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.04.2014)

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