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"Kostet nicht die Welt": Wissenschaft berechnet Klimaschutz

An electronic road sign reads ´Pollution, speed limit 60kms´ on the Paris ring road
(c) REUTERS (� Charles Platiau / Reuters)
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Der Weltklimarat sieht eine Chance im Umstieg auf erneuerbare Energien. Der Wechsel sei nicht so teuer wie bisher vermutet.

Die Nacht war kurz, der Kaffee stark, und am Ende hat die Hoffnung gesiegt: Das Weltklima ist aus Sicht der Wissenschaft noch zu retten. Und das kostet - so eine Kernbotschaft im neuesten Bericht des Weltklimarats (IPCC) - sogar weniger als oft befürchtet.

Doch da ist noch etwas, das Wissenschaftler allen Staaten dieser Erde unmissverständlich hinter die Ohren schreiben. Das Fenster für diese gute Aussicht schließt sich gerade. Steigt die Welt in den kommenden 15 Jahren nicht entschieden auf klimafreundliche Energien um, wird sich das bitter rächen. Die Erderwärmung kann eines der größten Probleme künftiger Generationen werden.

Alles schon gehört, mal wieder fünf vor zwölf? Wer in die Gesichter der Umweltschützer blickt, die die tagelangen Klimadebatten zwischen fast 200 Staaten verfolgten, ist überrascht. Die Augen leuchten trotz der dunklen Ringe darunter, die Sitzung ging mal wieder bis 6.00 Uhr. "Es hat sich was geändert", betont Karsten Smid für Greenpeace. Wenn die Welt sich diesen Bericht zu Herzen nehme, stehe ein wirtschaftlicher Umbruch bevor: das Jahrhundert der grünen Energien. Sonnige Zukunft. Süßer Traum?

Treibhausgas-Emission steigt weiter

Smids Optimismus überrascht beim Blick auf die Statistiken der Gegenwart. Die Jahre zwischen 2000 und 2010 waren das Jahrzehnt der Kohle. Nie zuvor hat die Menschheit für die Energiegewinnung so viel Treibhausgase in die Luft geblasen. Klimaschutz? Die angestrebte Energiewende in Deutschland ist ein Klacks auf der Weltkarte. Das Land kann jedoch Vorbild sein, wenn die Energiewende denn gelingt. Die Musik spielt vor allem in Asien, in den aufstrebenden Schwellenländern.

Es ist vor allem das Kohlendioxid (CO2), das in der Atmosphäre als Haupttreiber für die Erderwärmung gilt. Steigen die Temperaturen um mehr als zwei Grad im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung, gilt die Lage als nicht mehr beherrschbar. Ozeane voller Schmelzwasser überfluten Inseln und Küsten. Stürme und Dürren kosten nicht nur Menschenleben, die Zusatzkosten drücken auch auf die Wirtschaftsbilanzen.

Neu am IPCC-Bericht ist, dass er insbesondere auf die Ökonomie zielt. Und natürlich auf eine ihrer Hauptantriebsfedern, die Energiegewinnung. Ein schneller Wandel weg von Kohle, Gas und Öl koste nur einen Bruchteil der weltweiten Wirtschaftskraft, so die neuen Berechnungen. Sie sollen der Politik als Grundlage für Entscheidungen dienen, vor allem bei der nächsten großen Klimakonferenz in Paris 2015.

0,06 Prozent des Wirtschaftswachstums

Die nötigen Investitionen für das Zwei-Grad-Ziel seien mit 0,06 Prozent des jährlichen Wirtschaftswachstums bis 2030 gering, urteilt Ottmar Edenhofer, Co-Vorsitzender des Berichts. "Das würde beispielsweise heißen, dass die Wirtschaft anstatt mit zwei Prozent um 1,94 Prozent pro Jahr wächst", erläutert der Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Oliver Geden ist Klima-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Er glaubt nicht, dass diese Kosten-Argumentation Politiker überzeugt. Es gebe eben nicht nur einen Akteur bei Klimaverhandlungen, sondern einzelne Staaten. Sie könnten sich als Gewinner oder Verlierer des ökonomischen Wandels sehen und dementsprechend handeln - auch wenig klimafreundlich.

Schlupflöcher für einzelne Staaten

Zudem sei erkennbar, dass Lobbyisten in den einzelnen Ländern Widerstand organisierten, gegen jede Vernunft. Auch das beeinflusse Politiker, besonders vor Wahlen, sagt Geden. Politik sei ein komplexes System. Er findet es politisch heikel, dass der IPCC-Bericht der Welt bis Mitte des Jahrhunderts 40 bis 70 Prozent Minderung beim Treibhausgas-Ausstoß empfiehlt, aber die Margen nicht mehr regional herunterbricht. Die mit dem vorherigen Report etablierte Formel "80 bis 95 Prozent für Industrieländer" falle damit ersatzlos weg. Das biete Schlupflöcher für Staaten, die ehrgeizigen Klimaschutz kritisch sehen - etwa in Osteuropa.

IPCC-Hochrechnungen bis zum Jahr 2029 zeigen aber auch Klimaschutz-Lichtblicke. Der Rat rechnet mit 20 Prozent weniger Geldanlagen in fossile Brennstoffe als 2010 und einer Verdopplung der Investitionen in klimafreundliche Energien. Ein Energieparadies ist die Welt damit aber noch nicht - einbezogen sind auch emissionsarme Kraftwerke und Atommeiler. Umweltverbände rechnen ganz anders. Sie sehen die Technik für Windräder und Sonnenkraftwerke als ausgereift und erschwinglich an - als sofortige Alternative für ärmere Länder.

 

(APA/dpa)