Wenn das Gehirn Selbstdisziplin übt, um sich an Moral und gesellschaftliche Normen zu halten, dann braucht es dazu Zucker. Und wenn von dem zu wenig da ist, dann steigt die Gewaltbereitschaft.
„Let me have men about me that are fat, / Sleek-headed man and such as sleep a-nights. / Yond Cassius has a lean and hungry look, / He thinks too much; such men are dangerous.“ So ließ es Shakespeare Cäsar sagen (1. Akt, 2. Szene), und im heutigen englischen Slang geht es noch viel dichter und ohne Umweg über das Denken: „Hangry“ heißt das Wort, in dem sich Hunger und Ärger zusammenziehen zu einer gefährlichen Mischung, Aggression. Dabei geht es nicht um irgendeinen Hunger, sondern dem nach Süßem, und wenn das fehlt, dann zeigt sich ernüchternd, dass wir nichts anderes sind als Maschinen, die von Trieben getrieben werden und Treibstoff brauchen: Saccharose. Vor allem das Gehirn braucht sie, zur Unterdrückung von gesellschaftlich und moralisch unerwünschtem Tun, zur Selbstdisziplin.
Die kostet Kraft, die kostet Zucker, und der wird portionsweise aus dem Tank gezapft. Am Morgen ist für gewöhnlich genug da, da handeln wir ganz normgemäß, aber bei jedem Akt von Selbstdisziplin wird etwas verbraucht, deshalb sind wir ab Mittag eher dem Lügen und Betrügen zugeneigt. Maryam Kouchaki (Harvard) hat es neulich gezeigt (Psychological Science, 28. 10.).
Dieses mechanistische Bild vom Ich, das sich erschöpft – das Phänomen heißt „ego depletion“ –, das kränkt natürlich, aber Brad Bushman (Ohio State University) und Nathan DeWall (Amsterdam) finden es, wo immer sie hinschauen, im Labor wie in der Kriminalitätsstatistik. Im Labor geht das etwa so: Man lässt zwei Probanden gegeneinander spielen, an PCs, auf deren dunklen Schirmen irgendwo ein heller Punkt auftaucht. Dann muss auf einen Knopf gedrückt werden, so rasch es geht, in jedem Fall rascher als der Gegenspieler. Anschließend kann der Sieger triumphieren bzw. den Unterlegenen „bestrafen“, über Kopfhörer, mit Lärm.
Limonade macht friedlich
Der ist in jedem Fall unangenehm – Zahnarztbohrer, Kratzen eines Fingernagels auf einer Schiefertafel etc. –, er kann mild oder fast schmerzhaft laut ausfallen, kurz oder lang, ganz nach Belieben des Siegers. Das Ganze heißt „Taylor Aggression Paradigma“ (TAP), und es macht seinem Namen Ehre, die Anordnung baut Aggression auf, von Anfang an. Bushman/DeWall werteten immer nur die erste Runde aus, später stuft sich alles von allein auf, dann kommt noch Vergeltung ins Spiel, in der ersten Runde ist es nur Aggression. Aber bevor diese Runde begann, bekamen die Spieler noch etwas zu trinken, Limonade, entweder mit Zucker oder mit Zuckerersatz.
Die, die den Ersatz getrunken hatten, drehten den Straflärm härter auf. Nun ja, das ist halt so ein Laborexperiment. Aber dann baten Bushman/DeWall Menschen mit funktionierendem Zuckerstoffwechsel und andere, die Zucker schlecht verarbeiten können – Diabetiker etwa –, in Interviews um Selbstcharakterisierung. Wieder korrelierte mangelnder Zucker mit erhöhter Aggressivität. Das tat er schließlich auch in der Statistik der Gewaltverbrechen – Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Raub – quer durch die USA: Wo es mehr Menschen mit defizitärem Zuckerstoffwechsel gibt, gibt es mehr von diesen Verbrechen (Aggressive Behavior, 37, S. 73). Aber das ist auch nur eine Korrelation, und eine extrem dünne obendrein: Über den Zuckerhaushalt der Täter war nichts bekannt – nur über die regionale Verteilung der Stoffwechselleiden –, den fragt die Polizei für gewöhnlich nicht ab.
Gibt es keine realitätsnäheren Situationen bzw. Daten? In ihrer jüngsten Studie haben Bushman/DeWall 107 Ehepaare rekrutiert – durchschnittliche Heiratsdauer: zwölf Jahre – und sie drei Wochen lang die Glucosegehalte im Blut messen lassen. Zugleich bekamen sie einen ganz besonderen Aggressivitätstest, den der „Voodoo-Puppe“: Jede/r erhielt eine Stoffpuppe, die den Partner repräsentierte, zusätzlich gab es 51 Nadeln. Jeden Abend sollten so viele hineingesteckt werden, wie es der den Tag über aufgestaute Ärger auf den Partner gebot: Dabei war jeder Partner allein, notierte die Zahl und überreichte die Statistik am Ende den Forschern. Je weniger Zucker im Blut, desto mehr Nadeln in der Puppe: im Partner (Pnas, 14. 4.).
Wichtiges Gespräch! Nie hungrig führen!
Was nun? Soll man sich für den Frieden im Heim und dem in der Welt mit Zucker vollstopfen? So gesund ist der auch nicht, vielen gilt er als „weißes Gift“! „Zucker sollte kein Allheilmittel gegen Aggression sein“, bleiben Bushman/DeWall im Vagen, immerhin, einen Rat haben sie: „Bevor Sie ein schwieriges Gespräch mit Ihrem Partner haben – stellen Sie sicher, dass Sie nicht hungrig sind!“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.04.2014)