Schnellauswahl

Ein Pensionssystem mit fragwürdigen Baustellen

(c) Clemens Fabry
  • Drucken

Macht Pragmatisierung wirklich krank, und herrschen bei Bahn, Post und Gemeinde Wien unmenschliche Arbeitsbedingungen? Ein Statistikrätsel.

Der Rechnungshof hat neulich seinen Scheinwerferkegel auf ein offenbar besonders gravierendes Gesundheitsproblem im Land gerichtet: Es gibt ein paar Organisationen in Österreich, deren Mitarbeiter signifikant häufiger als der große Rest der Arbeitnehmer aus Gesundheitsgründen in die Frühpension gehen müssen. Und die, wenn man sich die Statistiken der diversen Sozialversicherungsträger anschaut, auch signifikant öfter und länger als andere krank sind.

In den nackten Zahlen der Statistiker sieht das dann so aus: Mehr als die Hälfte der pragmatisierten Wiener Gemeindebediensteten, 48,9Prozent der Postler und 41,7 Prozent der Eisenbahner werden wegen Dienstunfähigkeit vorzeitig pensioniert. Anders gesagt: Annähernd jeder Zweite aus diesen Berufsgruppen schafft es aus gesundheitlichen Gründen nicht bis zur regulären Pension.

Spektakulär werden diese Zahlen im Vergleich: Im ASVG – also in dem Versicherungssystem, in dem die meisten Beschäftigten der Privatwirtschaft, aber auch beispielsweise die jüngeren Bundesbahner und die Vertragsbediensteten stecken– wird nur jeder Fünfte (knapp 22 Prozent) so krank, dass er sein Berufsleben vorzeitig beenden muss. In der Hoheitsverwaltung des Bundes sind es gar nur 15,4 Prozent, bei den Lehrern teilweise noch weniger (wobei letztere Berufsgruppe bisher allerdings so intensiv wie keine andere die Hacklerregelung zum vorzeitigen Abschied benutzt hat).

Ähnlich sieht es beim Krankenstand aus: Die durchschnittliche Dauer beträgt bei ASVGlern und Bundesbeamten um die 13 Tage im Jahr, bei den ÖBB 19 und bei der Gemeinde Wien 22,4.

Nehmen wir jetzt gleich die erwartbaren Reaktionen vorweg: Der Herr Meidlinger von der Wiener Gemeindegewerkschaft wird darauf verweisen, dass die Statistik bei der Gemeinde Wien verzerrt werde, weil da ja auch beispielsweise die „48er“, die bei Sturm und Regen im Freien Müll einsammeln, und die Krankenschwestern, deren Berufsleben aus einer Aneinanderreihung von gesundheitsschädlichen Nachtdiensten besteht, enthält. Und Obereisenbahner Kern wird argumentieren, dass die Eisenbahner im Schnitt ohnehin erst mit 61,5 Jahren in Pension gehen (und nur sehr verschämt dazusagen, dass darin die vielen Pensionierungen wegen Dienstunfähigkeit nicht enthalten sind), und er wird auf seine Verschieber und Gleisarbeiter hinweisen, die auch bei Eis und Schnee unterwegs sind.

Wir sagen: Klingt plausibel, erklärt aber nichts. Denn selbstverständlich sind auch im ASVG Berufe wie etwa Maurer oder Hochofenarbeiter enthalten. Jobs also, bei denen man schon eine sehr robuste Konstitution braucht, um sie mit 60 noch ausüben zu können.


Würde man diese Daten einem Besucher vom Mars, der die hiesigen Strukturen nicht kennt, vorlegen, würde er spontan wahrscheinlich zwei Punkte diagnostizieren. Erstens: Pragmatisierung macht krank. Und zweitens: Bei der Gemeinde Wien, der Bahn und der Post müssen unmenschliche Arbeitsbedingungen herrschen.

Das ist natürlich zynisch und ungerecht: Wir wissen, dass die Herren Häupl, Kern und Pölzl keine Leuteschinder sind. Und wir gehen, weil wir an das Gute im Menschen glauben, auch davon aus, dass die Gesundheit nicht für verdeckte „betriebsbedingte Pensionierungen“ (eine der großen Missbrauchsaktionen von Schwarz-Blau übrigens) missbraucht wird und dass die Gewerkschaft in Wien nicht, wie auch schon behauptet wurde, Leute in die Dienstunfähigkeitspension drängt, weil deren Jobs bereits anderen Mitgliedern versprochen sind.

Aber: Das Pensionssystem gehört zu den großen Milliardenbaustellen des österreichischen Budgets. Wenn es da Probleme gibt, sind sie rechtzeitig anzupacken. Es gibt also zwei Möglichkeiten: Entweder man schickt den hier auffällig gewordenen Unternehmen das Arbeitsinspektorat bzw., falls doch Missbrauch betrieben wird, den Staatsanwalt ins Haus. Oder man startet umfangreiche Präventionsprogramme. Aber solche Auffälligkeiten achselzuckend hinzunehmen – das können wir uns wirklich nicht mehr leisten.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2014)