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Italien: Ein Katastrophenland jenseits von Pompeji

ITALY POMPEII
POMPEII(c) EPA (CESARE ABBATE)
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Wie ein Land herunterkommt: Erdrutsche gefährden Landstriche, Städte und archäologische Stätten. Kaum jemand tut etwas zur Vorbeugung.

In Pompeji steht wieder eine Mauer weniger. Der Winterregen, sagen sie, sei schuld. Oder das Wasser, das die Wand unterspült habe. Diesmal traf es nur ein modernes Bauwerk, Teil einer offenbar schlampigen Restaurierung – aber in der antiken Ruinenstadt ist jede neue Ruine eine zu viel. Und nach jedem Fall in Pompeji erhebt sich nationale wie internationale Hysterie: Italien lässt ein Kulturerbe verfallen, das nicht ihm, sondern der Welt gehört!

Pompeji ist ein Reizwort. Reflexhaft ruft es Bestürzung oder Aufmerksamkeit hervor, genauso wie jedes mittlere Hochwasser in Venedig. Und es schwimmt im Geld. Als zweitattraktivstes Touristenziel – nach dem Kolosseum in Rom –, das schon jetzt 70 Prozent der Einnahmen behalten darf, die es aus dem Verkauf von jährlich 2,5 Millionen Eintrittskarten erzielt, prasselt neuer Geldregen aus Rom und Brüssel hernieder. Superintendent Massimo Osanna schlägt bereits die Hände über dem Kopf zusammen: „105 Millionen Euro! So viel können wir ja gar nicht ausgeben!“

 

Kulturgüter in Gefahr

Für die zahllosen anderen Schäden indes, die der Winter angerichtet hat, interessiert sich außerhalb ihres lokalen Umfelds keiner. Fatalistisch nimmt Italien nur die Statistiken zur Kenntnis, die Forscher alle Jahre wieder vorlegen: Demnach sind 82 Prozent der Gemeinden von wasserbedingten Katastrophen bedroht, von Überschwemmungen und Erdrutschen. Gefährdet sind mehr als 16.600 Kulturgüter. Allein 487.000 Erdrutschzonen sind amtlich erfasst, aktive Muren ebenso wie jahrhundertealte. Aus Geldmangel ist die nationale Gefahrenkarte nie fertiggestellt worden. Dabei nehmen Erdrutsche massiv zu.

Volterra ist so ein Beispiel. In der toskanischen Stadt, einer 2500 Jahre alten Etrusker-Gründung, die jetzt auch Weltkulturerbe werden will, sind Ende Jänner mehr als 30 Meter der monumentalen mittelalterlichen Stadtmauer ins Nichts gestürzt. Die Abbrüche fressen sich an die etruskische Akropolis heran. „Pompeji ist eine tote Stadt, aber hier trifft es die Lebenden. Und wer hilft uns?“, rief ein Chefarzt aus Volterra vor den Ruinen. Die Schuld, darin sind sich alle Experten einig, liegt bei der Sorglosigkeit der Kommunalverwaltungen, bei der fehlenden Untersuchung des Terrains, bei der unterlassenen Vorbeugung und beim Mangel an regelmäßiger Überwachung der Bausubstanz.

Volterra, das weiß jeder Tourist, ist Erosionsgebiet par excellence. Gleichwohl wurden hier – genauso wie an der ligurischen Riviera so manche Villenviertel – neuere Stadtviertel auf Erdrutschzonen gebaut. Die Kontrolle kritischer Zonen setzte erst nach dem Abgang von Muren und Mauern ein.

 

Knappe Staatsressourcen

Im Gegensatz zu Pompeji, wo zur Erhaltung von 44 Hektar Bausubstanz nur fünf Arbeiter zur Verfügung stehen – so wenige sind laut Gewerkschaftsangaben nach den Streichungen im öffentlichen Dienst übrig geblieben –, fehlt es Volterra und anderen italienischen Gemeinden an Geld für Investitionen. Vom Zentralstaat werden sie immer knapper gehalten; der laufende Betrieb und das Personal verschlingen fast alle verfügbaren Mittel.

Der Zivilschutz bezichtigt die Gemeinden der Verantwortungslosigkeit: Erst die wenigsten hätten die vorgeschriebenen Katastrophenschutzpläne erstellt – geschweige denn untersucht, welche Gefahren am Ort tatsächlich drohen. So entstand eine kuriose Situation: Fünf Jahre nachdem Italiens Regierung für Vorsorgemaßnahmen gegen wasserbedingte Katastrophen 2,1 Milliarden Euro bereitgestellt hat, haben die Gemeinden erst vier Prozent davon beansprucht.

 

Im Netz der Bürokratie

Unter dem Vesuv ist das Verhältnis noch krasser. Mit großem Pomp wurden vor drei Jahren 105 Millionen Euro für das „Projekt Groß-Pompeji“ ausgelobt (davon trägt 74 Millionen Euro die EU). Bis heute allerdings sind kaum 600.000 Euro ausgegeben.

Die Gelder sind reserviert für prestigereiche Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten, und diese kommen – wie überall in Italien – nicht vom Fleck: Entweder mangelt es den Bauträgern an der Fähigkeit zum Ausformulieren konkreter Projekte. Oder diese bleiben, weil so viele Stellen mitzureden haben, in den Netzen der Bürokratie hängen. Oder die vorgesehenen Auftragsvergaben sind nicht kompatibel mit den politisch-gesellschaftlichen Regeln gerade süditalienischer Klientelwirtschaft. Oder Verwaltungsgerichte blockieren nach Klagen Bauprojekte auf Jahre hinaus.

Kompetenzgerangel und das Hin- und Herschieben von Verantwortlichkeiten kommen hinzu: Wem zum Beispiel „gehören“ die Stadtmauern von Volterra: dem Bürgermeister oder dem Kulturministerium? So kommt ein Land herunter, im wahrsten Sinn des Wortes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2014)