Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Googles Jagd nach neuen Menschen

(c) Titan Aerospace / Action Press / (Titan Aerospace)
  • Drucken

Der Konzern schickt Drohnen und Ballons in den Himmel, um mehr Menschen ins Web zu bringen. Das ist weniger selbstlos, als es klingt. Es ist Googles einzige Chance zu wachsen.

Wien/Mountain View. Dieses Rennen hat Google klar für sich entschieden: Für eine unbekannte Summe hat der 240 Milliarden Euro schwere Konzern dem Rivalen Facebook eben den Drohnenhersteller Titan Aerospace vor der Nase weggeschnappt. Das Unternehmen erzeugt unbemannte Flugkörper, die mit Solarenergie betrieben werden. Der Kauf passt zum neuen Selbstbild von der einstigen Suchmaschine. Google ist kein Internetkonzern, sondern ein Hightech-Unternehmen – getrieben vom Drang seines Gründers Larry Page, der Menschheit Großes zu hinterlassen. Im vergangenen Jahr sammelte sein Unternehmen etwa einen Roboterhersteller nach dem anderen ein, nun sollen sich die Maschinen auch in die Lüfte erheben.

Aber warum leistet sich ein Konzern, der auch 2013 seine 13 Milliarden Dollar Gewinn mit dem Verkauf von Werbeanzeigen neben Suchergebnissen eingespielt hat, solche Abenteuer?

 

Google hat das Netz abgegrast

Die offizielle Version klingt wie ein modernes Märchen. Ähnlich wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat sich Google-Chef Larry Page daran gemacht, auch die entlegensten Teile der Welt mit Internet zu versorgen. Unter dem Projektnamen „Loon“ soll eine Kette an gewaltigen Heißluftballons die Erde in der Stratosphäre umkreisen, um so all jenen Menschen in ärmeren und entlegenen Regionen Zugang zum Internet zu verschaffen, in denen sich der Aufbau von teuren Datenleitungen nicht lohnt.

Auch die Drohnen von Titan Aerospace sollen nun Teil des Projekts „Loon“ werden. Die gesammelten Daten sollen auch für den Katastrophenschutz eingesetzt werden. Das klingt altruistischer, als es ist. Das Projekt ist auch eine Wette auf die Zukunft. Und Googles größte Chance, weiter zu wachsen. Denn das Internet, wie wir es kennen, hat Google mittlerweile beinahe abgegrast.

Das hauseigene Betriebssystem läuft auf jedem zweiten Smartphone der Welt. Und am Standcomputer sieht es noch besser aus: Im Februar schauten 187 Millionen Menschen zumindest einmal bei Google vorbei, zählte Comcast. Das gesamte Netz hatte in diesem Monat nur 222 Millionen einzelne Besucher. Viel ist da also für Google nicht mehr zu holen.

 

4,6 Milliarden sind offline

Neue Nutzer findet der Konzern nur an einem Ort: offline. Zwei Drittel der Weltbevölkerung haben keinen oder nur einen unzureichenden Internetzugang. Das sind rund 4,6 Milliarden Menschen, die Google mit seinen Diensten bisher nicht erreicht. Noch nicht. Bis zum Ende des Jahrzehnts will der Internetriese die ganze Menschheit online bringen.

Larry Page macht kein großes Geheimnis daraus, dass er seine Milliarden nicht aus reiner Nächstenliebe ausgeben möchte. Erst kürzlich erzählte er bei einer Ted-Konferenz, dass er im Falle seines Ablebens seine Milliarden lieber einem Kapitalisten mit Visionen wie Tesla-Chef Elon Musk hinterlassen würde als der Wohlfahrt.

Solange Google-Gründer Page aber noch lebt, weiß er selbst am besten, wohin das Geld seines Unternehmens fließen soll. An Visionen mangelt es dem Sohn zweier Computertechniker nicht. Selbst fahrende Autos und Computerbrillen wie Google Glass sind da nur der Anfang.

Der Konzern arbeitet auch daran, das menschliche Gehirn zu kopieren. So kaufte Google etwa zu Jahresbeginn Deepmind, ein britisches Unternehmen, das Computern das Denken beibringt.

Mit dieser künstlichen Intelligenz will Larry Page seine Computer lehren, die Nutzer noch besser zu verstehen. Schon heute schaffen Googles Rechner hundert Milliarden Suchanfragen im Monat, erkennen Synonyme, bessern Rechtschreibfehler aus, versuchen nicht nur die Worte, sondern auch den Sinn hinter den Worten zu verstehen.

Doch da geht noch mehr. Vor Kurzem meldeten Googles Techniker, dass die Computer sich mittlerweile eigenständig eine bahnbrechende Methode der Bilderkennung beigebracht hätten. Einziges Problem: Die Programmierer können den selbstständigen Computern nicht mehr so ganz folgen.

Zumindest als Kunde wird der Mensch für Google aber auch in Zukunft unersetzlich bleiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2014)

Mehr erfahren