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Pulitzer macht Politik: Preis für NSA-Aufdecker

Handout of The New York Times photographer Josh Haner´s image of Boston Marathon bombings victim Jeff Bauman
Jeff Bauman(c) REUTERS (HANDOUT)
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Für die Veröffentlichung der NSA-Papiere wurden „Washington Post“ und „Guardian US“ geehrt und nicht explizit die Reporter Glenn Greenwald und Laura Poitras.

Die Maschine SIA26 landete am vergangenen Freitag um 11.16 Uhr auf dem New Yorker Flughafen JFK, und zum Erstaunen vieler passierte nach der Landung – nichts. Seelenruhig konnten die NSA-Aufdecker Glenn Greenwald und Laura Poitras das Flugzeug verlassen und danach in aller Ruhe in der Ankunftshalle Gruppenfotos machen. Der US-Journalist und die Dokumentarfilmerin, die dank des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden den NSA-Überwachungsskandal aufdecken konnten, betraten zum ersten Mal seit Juni 2013 wieder US-amerikanischen Boden. Und das, obwohl sie durchaus ernsthaft damit gerechnet hatten, verhaftet zu werden.

Das Risiko wollten sie offenbar eingehen. Nicht nur, um sich persönlich den George- Polk-Investigativ-Preis der Long Island University abzuholen. Oder weil es als wahrscheinlich galt, dass ihre Arbeit ein paar Tage später auch mit einem Pulitzerpreis geehrt werden könnte. Die beiden wollten ausloten, wie ernst es den US-Behörden mit ihrer Drohung war, sie zu verhaften und zu verklagen.

Immer noch auf freiem Fuß weilten sie auch am Montagnachmittag noch in New York und waren live dabei, als die Columbia University die diesjährigen Pulitzerpreise für Journalismus, Literatur und Musik bekannt gab, darunter auch den Preis in der Kategorie „Dienst an der Öffentlichkeit“, den die „Washington Post“ und der „Guardian US“ für ihre Berichterstattung des NSA-Skandals erhielten – nur der US-Ableger des britischen „Guardian“, weil die seit 1917 verliehenen Pulitzerpreise nur US-Institutionen oder US-Autoren bekommen dürfen. In zehn Journalismuskategorien (darunter auch zwei für Fotografie) werden die Preise vergeben. Für die beste „Aktuelle Berichterstattung“ wurde der „Boston Globe“ für seine Reportagen rund um die Bombenanschläge beim Boston-Marathon geehrt, die sich just einen Tag nach der Preisernennung erstmals jährten.

 

Sieg für die „Alllianz der Newsrooms“

Selten waren die Pulitzerpreise so politisch wie in diesem Jahr – und selten lagen sie in der wichtigsten Kategorie inhaltlich so daneben. Ob die Preise eher den Aufdeckern Greenwald und Poitras oder auch den verantwortlichen Reportern Barton Gellman („Wapo“) und Ewen MacAskill („Guardian“) gebührt hätten als den Medien, die sie abdruckten, ist dabei zweitrangig. Schließlich erhielt auch 1973 die „Washington Post“ den Preis für die Enthüllung des Watergate-Skandals, und nicht die Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein. Dennoch macht es diesmal den Eindruck, als wollte das Pulitzerkomitee zwar die NSA-Berichterstattung preisen, die Köpfe dahinter aber bewusst nicht zu Helden stilisieren. Dabei hätte das in diesem Fall eine besondere Symbolik gehabt, die Greenwald und Co. den Rücken hätte stärken können.

Kritik kommt aber auch wegen einer weiteren Sache: Warum wurden „nur“ die beiden Zeitungen „Washington Post“ und „Guardian US“ geehrt? Auch die „New York Times“ und die Investigativplattform ProPublica hatten bei der Auswertung der zigtausend NSA-Dokumente mitgeholfen. Ganz abgesehen von den vielen internationalen Medien, darunter auch dem „Spiegel“. Wobei die hier alle irgendwie mitfeiern dürfen, wie Jay Rosen, Journalismusprofessor an der New York University, meint – denn auch diese „Allianz der Newsrooms“ habe hiermit den Preis gewonnen, schreibt er in seinem Blog Pressthink.

Letztlich setzt die Pulitzerjury natürlich schon ein deutliches Zeichen mit dem Preis für die NSA-Aufdeckermedien. Im New Yorker „Guardian“-Büro feierte man mit Chefredakteur Alan Rusbridger und Laura Poitras – Fotos davon machten auf Twitter ebenso die Runde wie Bilder aus Redaktionen anderer Pulitzergewinnermedien. Edward Snowden, der sich noch immer in Russland aufhält, gratulierte den Journalisten in einer schriftlichen Reaktion. Die Preise erinnerten daran, dass eine freie Presse das bewirken könne, wozu kein Einzelner allein imstande sei. „Meine Anstrengungen wären ohne Einsatz, Engagement und Können dieser Zeitungen bedeutungslos gewesen.“

 

Forderung: Deutsches Asyl für Snowden

Glenn Greenwald und Laura Poitras, die mittlerweile für die von eBay-Gründer Pierre Omidyar finanzierte Investigativwebseite The Intercept (zu Deutsch: Schnittpunkt) arbeiten, nutzen die jüngsten Preise und Auftritte auch, um Botschaften zu vermitteln. Von Berlin aus waren sie in die USA geflogen, hatten in Interviews mit deutschen Medien zuletzt mehrfach kritisiert, dass der deutsche Bundestag in seinem NSA-U-Ausschuss Snowden noch nicht zu den Einzel-heiten befragt hat. Auch fordern sie Deutschland dazu auf, Snowden Asyl anzubieten.

DIE WEITEREN PULITZERPREISE FÜR JOURNALISMUS, LITERATUR UND MUSIK

Breaking News: Redaktion „Boston Globe“ Investigativ: C. Hamby („Center f. Public Integrity“) Hintergrund: Eli Saslow („Washington Post“) Lokales: Hobson/LaForgia („Tampa Bay Times“) Inlandsberichterstattung: D. Philipps („Gazette“) Ausland: Szep/Marshall (Reuters)
Kommentar:
S. Henderson („Detroit Free Press“) Kritik: Inga Saffron („Philadelphia Inquirer“)

Leitartikel: „The Oregonian“ (Portland)

Cartoon: Kevin Siers („Charlotte Observer“) Aktuelles Foto: Tyler Hicks („New York Times“)

Feature-Foto: Josh Haner („New York Times“) Drama: Annie Baker für „The Flick“

Geschichte: Alan Taylor für „The Internal Enemy“ Biografie: Megan Marshall für „Margaret Fuller“ Lyrik: Vijay Seshadri für „3 Sections“

Sachbuch: Dan Fagin für „Toms River“

Musik: John Luther Adams für „Become Ocean“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2014)