Die SPD streute dem scheidenden Parteivorsitzenden Gerhard Schröder Rosen und bedachte den neuen, Franz Müntefering, mit Vorschusslorbeeren.
BERLIN. Es war ein Abschied mit feuchten Augen. Der Vorhang fiel, und alle waren betroffen, am meisten Gerhard Schröder selbst. Der deutsche Bundeskanzler schluckte, stockte, kämpfte mit den Tränen. "Ich war stolz darauf, Vorsitzender dieser großen Partei zu sein. Ich habe versucht, es so gut zu machen, wie ich konnte."
Am Ende wagte Gerhard Schröder, was die Genossen bei ihm zumeist vermisst hatten: Pathos. Die Delegierten des SPD-Sonderparteitags im Berliner Hotel Estrel dankten ihrem scheidenden Parteichef minutenlang mit stehenden Ovationen, als könnten sie damit auch all den Frust über Wahlniederlagen, schlechte Umfragewerte und Sozialabbau wegklatschen.
"Der Franz und ich halten Kurs", hatte Schröder gleich zu Beginn seiner Rede gesagt. Niemand solle sich täuschen. Gemeinsam mit dem neuen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering werde er die Agenda 2010 fortführen. Leidenschaftlich verteidigte der Bundeskanzler noch einmal seine Reformen: "Wir müssen den Sozialstaat umbauen, um ihn für die künftigen Generationen zu erhalten."
Dabei blieb er nicht nur in der Defensive, sondern setzte wiederholt auch zur Attacke auf den politischen Gegner an. "Schaut euch genau an, was die Konservativen vorschlagen". Deren Ziel sei nicht der Umbau, sondern die Zerschlagung des Wohlfahrtsstaates. Es schien, als wolle Schröder die Zeit der Auto-Aggression in der SPD beenden und die Angriffslust wieder gegen den gemeinsamen Feind richten. Sein Leitmotiv: Wenn die Union einmal an die Macht kommen sollte, werde alles nur noch viel schlimmer.
Als eine seiner größten Leistungen hob er hervor, Deutschland aus dem Irak-Krieg herausgehalten zu haben: "Wenn die anderen die Wahlen gewonnen hätten, stünden heute deutsche Soldaten im Irak." Seine außenpolitische Neu-Positionierung sei ein bleibendes Verdienst, meinte er. Zuweilen hatte man im Saal des Estrel-Hotels den Eindruck, als spräche hier jemand einen Nachruf auf sich selbst.
Müntefering hörte aufmerksam zu, vor sich im Wasserglas eine rote Rose. Dann ergriff er das Wort. Bedächtig reihte er einen kurzen Satz an den anderen. Der 64-Jährige sprach einfach und unverstellt. Mit seinem spröden Charme und seiner Gelassenheit vermochte er, die Genossen mitzureißen. Müntefering erzählte ihnen nicht viel anderes als Schröder, aber er verpackte es anders, in altvertrautes Packpapier gleichsam, nicht in liebloses Cellophan.
Gleich am Beginn gelang es ihm, ein Wir-Gefühl im Auditorium zu erzeugen. Die SPD als große Familie, und Onkel Franz sprach das sozialdemokratische Tischgebet. Müntefering berichtete, wie er unlängst ein 98-jähriges Parteimitglied besucht habe. Bei jedem anderen riefe ein derartiger Einstieg panikartige Peinlichkeit hervor, beim neuen Parteichef nicht. Da ist es Kult. "Es ging immer schon rauf und runter mit der SPD", habe der alte Mann ihm erzählt. Und: "Wir schaffen das." Na, wenn das ein Mann mit 98 Jahren Erfahrung sagt.
Müntefering strahlt Ruhe und Zuversicht aus. Genau das, was seine Partei bei Umfragewerten von unter 30 Prozent bräuchte. Dabei scheut er sich jedoch nicht, der SPD reinen Wein einzuschenken: "Wir müssen uns ehrlich machen", sagte Müntefering immer wieder. Im Zeitalter der Globalisierung könne man keinen Graben um Deutschland ziehen. Weder im Keller, noch auf dem Dachboden sei Geld versteckt, das eine Regierung noch verteilen könnte. Die Sozialdemokratie dürfe sich da nicht in populistische Büsche werfen, sondern müsse den wirtschaftlichen und demografischen Realitäten ins Auge sehen.
"Ich will keine ruhige Partei. Kontroverse ist gut", sagte Müntefering. Er wandte sich persönlich an den anwesenden DGB-Chef Michael Sommer und beschwor einen neuen Schulterschluss mit den Gewerkschaften, die sich zuletzt so entfremdet hatten von Schröders rot-grüner Regierung. "Die Arbeiterbewegung ist noch nicht am Ende", rief er. Müntefering schloss mit einer Erinnerung an das Jahr 1982, als die SPD nicht zuletzt wegen ihrer inneren Zerrissenheit die Macht für 16 Jahre verloren hatte. Münteferings Fazit: "Opposition ist Mist. Lasst das die anderen machen. Wir wollen regieren."
Auch Schröder hatte jüngst eindringlich an das Ende der Ära Helmut Schmidt gemahnt. Die Abgeordneten hatten es damals als eine seiner üblichen Drohungen aufgefasst. Müntefering formulierte den historischen Exkurs etwas launiger, und die Delegierten jubelten ihm zu. Danach wählten sie ihn mit 95 Prozent zu ihrem neuen Vorsitzenden. Wie verhalten fiel im Vergleich dazu die Reaktion auf Klaus Uwe Benneter aus, der Olaf Scholz als Generalsekretär ablöste! Müder Applaus nach einer schwachen Rede vom Blatt.
Doch an diesem Sonntag stand ohnedies alles im Zeichen der neuen Doppelspitze, der demonstrativen Freundschaft zwischen Schröder und Müntefering. Der Bundeskanzler gratulierte dem neuen Vorsitzenden innig, er schien irgendwie befreit, lachte. Nur einmal biss er zwischendurch die Zähne zusammen. Wie hatte Schröder gesagt, "mir fällt der Abschied nicht leicht". Ambivalenz schwang mit beim Sonderparteitag der SPD. Noch wusste niemand, ob die Operation Machtverzicht gelingen würde.