Manche deutschen Wörter sind für türkische Migranten eine Herausforderung. Daher hat man sich selbst geholfen, und jetzt herrscht sprachliche Anarchie. Ein bisschen zumindest.
Die türkische Nachbarin ist ganz aufgekratzt in die Stube meiner Mutter gestürmt, um ihr von der ärztlichen Hiobsbotschaft zu erzählen: Demnächst werde sie operiert, und zwar amMinikuş. Das darf dich jetzt nicht wundern, denn bei uns in der Parallelgesellschaft kommt es öfter vor, dass ungewohnte Wörter leicht modifiziert werden. Taucht also eine anstrengende Bezeichnung auf, wird stattdessen ein türkisches Wort verwendet, das dem deutschen semantisch am nächsten ist, was wiederum zu der völlig absurden Situation führt, dass in einem türkischen Satz ein absolut unpassendes türkisches Wort als Ersatz für die deutsche (oder in diesem Fall: griechisch-lateinische) Bezeichnung herhalten muss.
So wird aus dem Meniskus ein Minikuş. Nun ist es so, dass diese Ersetze-das-komplizierte-Wort-Regelung zwar für die gesamte türkische Community gilt, allerdings ist die Auswahl und Verwendung der deutsch-türkischen Wörter jedem selbst überlassen, was die sprachliche Anarchie quasi formvollendet. Deswegen war die Mama ja minutenlang irritiert ob der bevorstehenden Operation ihrer Nachbarin, heißt doch Minikuş „kleines Vögelchen“.
Gemeinheit. Über die deutschen Sätze und die Aussprache unserer Eltern haben wir uns schon als Kinder zerkugelt vor Lachen. Unsere Eltern haben uns diese Gemeinheit aber nie übel genommen, auch wenn wir sie dadurch ständig an ihr Manko erinnert haben. Die Sprache des Landes, in der man lebt, arbeitet, dem Alter entgegenblickt, diese Sprache nicht vollständig zu beherrschen, ist enorm frustrierend – besonders für diejenigen, denen ihr Sprachdefizit immer wieder vorgehalten wird. Die Nachbarin meiner Mutter zum Beispiel, eine resolute Pensionistin aus einem anatolischen Dorf, hat Jahrzehnte am Fließband einer Vorarlberger Fabrik verbracht, drei Kinder großgezogen und viel zu lange einen Mann ausgehalten, der geglaubt hat, wenn er nur lange genug auf der Couch sitzt und rein gar nichts tut, wird er automatisch König von Frankreich.
Für einen Deutschkurs hat die Nachbarin – zu ihrem Bedauern – jedenfalls nie Zeit gefunden. Heute sagt sie: „Ich bin schon alt. Wenn ich morgen sterbe, interessiert Gott auch nicht, ob ich der, die oder das Haus sage.“
Standard. Vorhin habe ich grandios behauptet, dass die Verwendung der deutsch-türkischen Wörter keiner einheitlichen Regelung untersteht. Das war ein bisschen geflunkert – jetzt, wo wir einander besser kennen, kann ich das ja zugeben. Es gibt nämlich schon ein paar Standardverwendungen, dazu gehören Sembil für Semmel, pirivat für privat und – mein Favorit – Volkan für Wolfgang.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.04.2014)