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"Der neue 'Rosenkavalier' kann ruhig mehr Slapstick haben"

Sophie Koch als Dorabella in
Sophie Koch als Dorabella in "Cosi Fan Tutte" (2006).(c) APA (Barbara Gindl)
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Sophie Koch singt heuer in Wien und Salzburg Octavian. Mit der „Presse“ sprach die französische Mezzo-Sopranistin über Diven-Kult, moderne Inszenierungen, ihre Tochter und das Kochen. „Ich bin eine Europäerin“, sagt sie stolz.

Sophie Koch kommt mit Schirm, Charme, aber ohne Melone zum Interview in die Staatsoper. „Es ist windig“, sagt sie vorwurfsvoll, auf die Frage der Fotografin, ob sie im Freien aufgenommen werden dürfte. Dann geht sie aber doch mit und posiert höchst fotogen - wie zu sehen ist. „Nein, natürlich vergisst man keinen Moment, dass man Sängerin ist“, sagt Koch. Das Jetten von einem Ort zu anderen liegt ihr nicht. „Ich bin ja für das alte System. Mein Ex-Agent meinte, entweder Sie sind in oder out. Da hat er recht, wenn man ein Angebot ablehnt, einmal, zweimal, dreimal, ist man eben draußen. Es braucht viel Zeit, Energie, bis man eine Position erreicht hat. Und doch bleibt immer alles fragil. Jeder muss wissen, wie er seine Karriere führen möchte. Ich würde es gerne in der Zukunft ein bisschen ruhiger haben. Es macht mir keinen Spaß von einem Stück ins nächste zu springen. Ich muss mir für mein Gehirn und für die Qualität meiner Arbeit Zeit nehmen . . .“

Vorderhand kann von Ruhe aber offenbar keine Rede sein: „Kundry würde ich gerne machen“, bei diesem Satz strahlen die Augen der Französin. Und dann zählt sie ihre Pläne auf: „Le Roi Arthus“ von Ernest Chausson an der Pariser Oper, Meyerbeers „Afrikanerin“ in Berlin, „Fausts Verdammnis“ von Hector Berlioz, „Die Trojaner“, ebenfalls von Berlioz, „das sind Stücke, die große Herausforderungen sind und viel Vorbereitung verlangen.“ Wie passt das denn nun zusammen, Sehnsucht nach mehr Freizeit einerseits, so viel Arbeit andererseits? Macht das noch Spaß? „Auf jeden Fall“, versichert Koch, „es ist so viel Stress, wenn es keinen Spaß machen würde, würde ich es nicht machen.“

Vor 15 Jahren hat sie das erste Mal die Titelrolle in Richard Strauss' „Rosenkavalier“ an der Wiener Staatsoper gesungen: „Mit nur zwei Tagen Probe!“, erzählt sie. Am 23. April ist es wieder soweit. Franz Welser-Möst dirigiert - ebenso wie bei den Salzburger Festspielen, wo heuer eine Neuinszenierung des „Rosenkavalier“ von Harry Kupfer herauskommt, auch hier mit Koch als Octavio. In Wien die alte Inszenierung von Otto Schenk, in Salzburg die neue Version, ein Kontrastprogramm? „Die Schenk-Inszenierung ist sehr schön traditionell, sie passt perfekt zum Stück, das sehr schwer in eine andere Zeit zu übertragen ist“, sagt Koch: „Aber ich mag alles, wir haben eine moderne Inszenierung in Dresden gehabt und in Baden-Baden. Das einzige, was ich nicht leiden kann, ist wenn Stücke gekürzt oder verfremdet werden, der Regisseur keinen Respekt vor dem Werk hat, sondern nur für den eigenen Ruhm arbeitet. Man sollte die Aufführungen nicht in konservativ oder modern einteilen, sondern in Respekt vor der Musik und kein Respekt vor der Musik.. Wenn Sie bei Racine oder Corneille den Text ändern, ist es auch nicht mehr Racine oder Corneille. Das Gleiche gilt für Da Ponte und Hofmannsthal.“

Das zweite Leben auf dem Land

Was macht den Reiz des „Rosenkavalier“ aus? „Die Oper erzählt von den ewigen menschlichen Gefühlen, die durch die Zeiten gleich bleiben“, findet Koch: „Was mich berührt, ist diese Szene im ersten Akt zwischen der Marschallin und Octavian, wo sie entscheidet, geh jetzt, es ist Schluss. Das ist ein sehr intensiver und starker Moment. Octavian versteht sie, er ist jung, aber nicht dumm.“ Was erhofft sie sich von der Salzburger Neuinszenierung? „Ich habe noch keine Ahnung. Aber ich finde, im dritten Akt könnte es mehr Komödie geben, mehr Slapstick.“ „Rosenkavalier“ in Wien, in Österreich, ist ganz schön heikel. Das hat Koch selbst erlebt: „Ich habe ein einziges Mal versucht, diesen Abschied von der Marschallin und Octavian im ersten Akt härter zu spielen, mit mehr Beleidigung von seiner Seite. Da ist sofort jemand nach der Vorstellung zu mir gekommen und hat mich geschimpft und gesagt, das ist nicht korrekt.“ Trotzdem: „Der Rosenkavalier ist mein bester Freund - und der Komponist in der ,Ariadne auf Naxos'“. Auch in dieser Richard-Strauss-Oper ist Koch im April in der Staatsoper zu erleben.

Die Karriere als Sängerin war für sie keineswegs vorgezeichnet. Musik, Literatur habe sie immer geliebt, Klavier gespielt, gesungen, aber sie hätte sich auch vorstellen können, Medizin zu studieren. Als sie an der Universität in Paris in den Chor eintreten wollte, musste sie vorsingen - und wurde nicht genommen. Daraufhin begann sie Stunden zu nehmen und ihre Stimme zu trainieren. Mit der Zeit begeisterte sie sich immer mehr fürs Singen: „Es gab so viele Zufälle in meinem Leben. Es ist schwer, das in wenigen Worten zu erzählen“, meint sie.

Immer schon hat sie sich für deutsche Literatur begeistert. Die Familie stammt aus dem Elsass, Koch wurde in Versailles geboren. Das Verhältnis der Franzosen zu den Deutschen war historisch gesehen immer wieder gespannt. Wie ist das heute? „Ach, das ist doch längst vorbei. Für mich spielt das keine Rolle. Das ist unsere Geschichte, man kann sie spüren, aber die Völker leben wieder zusammen und lieben einander.“ Fühlt sie sich als Europäerin? „Ich finde die europäische Idee absolut sympathisch. Ich bin Französin, aber auch Europäerin.“

Was tut sie denn nun in ihrer kargen Freizeit? „Einmal wollte ich Jazz versuchen, dann habe ich eine Rockband gefunden, die mit mir zusammen etwas aufgenommen hat. Das ist ewig her. Ich liebe immer noch Jazz, aber ich glaube nicht, dass man beides machen kann. Es ist einfach eine total andere Technik.“ Das Ergebnis heißt „Itchy Feet“ und ist auf Itunes nachzuhören. In Südwestfrankreich, eine Stunde von Toulouse entfernt, lebt Koch ihr zweites Leben in einem Haus mit Mann und Tochter und Tieren. Wird sie in ihrem Dorf erkannt? „Auf dem Markt manchmal, erstaunlicher Weise.“ „Wir schauen auf die Pyrenäen, die Landschaft ist wild, das Grundstück ist groß“, schwärmt sie: „Ich koche zweimal am Tag für viele Leute, das Haus ist immer voll. Mein Mann ist Jurist und kümmert sich u. a. um unsere Stiftung, die Geld für Kinder in Kambodscha, Afrika und Afghanistan sammelt.“ Kochs Tochter wird demnächst neun Jahre alt und begleitet ihre Mutter so oft es geht, auf ihren Reisen.

Sie würde gerne mehr sehen, „ich bin sehr neugierig. Aber ich muss so viel aus dem Koffer leben, dass ich froh bin, wenn ich mal daheim sein kann.“ Womit wir wieder beim Stress wären. Was war der größte Stress, den sie in letzter Zeit erlebt hat: „Ich habe das erste Mal in New York gesungen und es gab eine Übertragung der Oper in HD in Kinos auf der ganzen Welt. Wenn ein Opernabend mal mittelmäßig ist, die Zuschauer enttäuscht sind, ist das nicht gut, aber es kann passieren. Aber wenn du im beim Auftreten immer im Kopf im Hintergrund hast, da sehen dir jetzt Tausende und Tausende zu und lauschen, dann ist die Angst, dass man abstürzt und der Wunsch, dass man auf diese vielen Menschen Eindruck macht, viel größer!“ In einem Interview mit Barbara Rett sagte Christa Ludwig, nach der Vorstellung verspeise sie ein Leberwurst-Brot, trinke ein Glas Wein, und das war's dann auch schon mit der Sensation Oper. Koch lacht: „Genauso ist es. Christa Ludwig ist großartig! Ich liebe sie. Wenn es aus ist, ist es aus, dann fängt ein neues Leben mit der Familie an. Natürlich freue ich mich, wenn die Leute wie wahnsinnig toben, vor der Bühnentür warten, das kommt nur in Wien und in New York vor –  und die Japaner, die sind auch ganz verrückt! Aber die Gesellschaft hat sich verändert. Platz für Diven gibt es nicht - und wenn sind das meist die Sopranistinnen, nicht die Mezzo-Sopranistinnen. Und in Frankreich ist es sowieso anders, die Leute sind stolz auf ihre Künstler, aber sie sind sofort bereit zu schießen, sobald jemand einen Absturz erlebt. Auch mir ist das schon passiert.“

Zur Person: Sophie Koch

Die Künstlerin studierte am Pariser Konservatorium. 1994 gewann sie den ersten Preis beim renommierten Hertogenbosch-Gesangswettbewerb. Ihr internationales Debüt gab sie 1998 am Londoner Royal Opera House, Covent Garden, als Rosina im "Barbier von Sevilla". Weitere wichtige Partien: Mignon, Waltraute, Venus, Werthers Lotte.

Vorstellungen: 22.4.: Komponist in der "Ariadne", 23./27.4.: Rosenkavalier in der Staatsoper.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2014)