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Familienaufstellung für „The Amazing Spider-Man 2“

Amazing Spider-Man 2
Amazing Spider-Man 2(c) Sony
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Marc Webbs „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ verspinnt sich zwischen zu vielen Handlungsfäden – aber Darsteller, Musik und gute Superschurken sorgen für Vergnügen.


Über 50 Jahre hat Spider-Man schon auf dem Buckel. Als die späteren Comic-Legenden Stan Lee und Steve Ditko 1962 die Geschichte vom „All-American Boy“ Peter Parker begannen, konnten sie nicht ahnen, was für ein Zentralstück der US-Popkultur sie damit schufen: 2014 schwingt Parker seinen pubertierenden Körper immer noch jauchzend durch die Wolkenkratzer-Canyons von New York City.

Etwa um den irren Russen Aleksey Sytsevich (herrlich: Paul Giamatti) zu hindern, sich mit einem Laster voll Plutonium-Phiolen aus dem Staub zu machen: Regisseur Marc Webb nutzt die erste große Actionszene in „The Amazing Spider-Man 2“ vor allem für Slapstick-Kapriolen. Der Held turnt akrobatisch zwischen Fahrzeugen und kommentiert das Geschehen mit fetzigen Einzeilern. Andrew Garfield zeigt sich erneut als Idealbesetzung für Peter Parker und sein Alter Ego Spider-Man: Er ist als Nerd so glaubhaft wie als Weltretter und hat das nötige Schauspieltalent, die Figur durch viele Tonlagen zu führen. Denn bei allen Materialschlachten setzt Regisseur Webb eher auf die komplexen Gefühlslagen, die sich in Bauch und Hirn der Hauptfigur angesammelt haben.
Der dramaturgische Bogen der TV-geeichten Autoren Roberto Orci, Alex Kurtzman und Jeff Pinkner spannt sich vor allem um den Begriff und das Gefühl „Familie“. Peter versucht erneut, dem mysteriösen Verschwinden seiner Eltern Bedeutung abzuringen und will das intellektuelle Erbe seines Wissenschaftler-Papas entschlüsseln.

„I Love You“ aus Spinnenseide


Auf der anderen Seite des Gefühlsspektrums erlebt er mit seinem „Girl“ Gwen (liebreizend und kämpferisch: Emma Stone) die erste Romanze: Wenn er für sie ein „I Love You“ aus Spinnenseide zwischen Brückenpfeiler schießt und mit ihr vor der Wolkenkratzerkulisse schmust, weiß man, wieso sich jeder Bub irgendwann einmal gewünscht hat, Spider-Man zu sein.

Es geht aber nicht nur um Familienaufstellung mit eingestreuter Liebesgeschichte, sondern – wie in jedem guten Superheldenfilm – vor allem um die Schurken. Aus einem umfangreichen Bösewichter-Katalog wurde Electro (Jamie Foxx) gewählt: ein klassischer Außenseiter mit schütterem Kopfhaar und einer eher pathologischen Faszination für Spider-Man, der nach dem Sturz in einen Tank mit Zitteraalen als blau schimmerndes, Blitze schleuderndes Starkstrom-Monstrum seinen verletzten Gefühlen freien Lauf lässt und New York City den völligen Blackout beschert.

Laut Filmindustrie-Regel müssen Fortsetzungen eins drauflegen: Zu Electro gesellt sich daher der Green Goblin, einst in Sam Raimis „Spider-Man“ (2002) ein Bösewicht alter Schule. In Webbs Version hat die Figur mehr dramatische Fallhöhe: Denn im Kobold steckt Peters bester Freund Harry (Dane DeHaan), dem der Vater den milliardenschweren Biotechnologie-Konzern Oscorp und eine tödliche Krankheit vererbt hat. Auch ihn hat seine Familiengeschichte verwundet und anfällig für Fantastereien zurückgelassen. Mögliche Heilung verspricht das Gift der mutierten Spinnen, die Peter zu Spider-Man machten: eine dramatische Fehleinschätzung, wie sich zeigt.

Nicht immer kann Webb die verschiedenen Fäden zum überzeugenden dramaturgischen Netz verweben: Dafür bewegt sich der Film in zu viele verschiedene Richtungen gleichzeitig, will sämtliche Tonlagen von leichter Komödie zu Tragödie gleichwertig bedienen. So bleibt vergnügliches Stückwerk, dessen Zerfaserung und sequenzielle Logik auf das Drehbuch-Team zurückgeht: Kurtzman und Orci sind Top-TV-Autoren, aber ihre Kino-Blockbuster – die „Transformers“-Trilogie, die neuen „Star Trek“-Filme – zeigen, dass sie ihre Stoffe mit zu viel Zierrat vollstopfen und so das dramaturgische Leitmotiv aus den Augen verlieren.

Zumindest vier weitere Filme


Dass „The Amazing Spider-Man 2“ dennoch funktioniert, liegt an den großartigen Darstellern und der ungewöhnlichen Filmmusik: Popstar Pharrell Williams, „Smiths“-Gitarrist Johnny Marr und Pomp-Komponist Hans Zimmer erheben die tonale Heterogenität des Films mit dem wilden Ritt durch musikalische Genres fast schon zur eigenen Kunstform. Das Ende kommt nach zweieinhalb Stunden mitten im Kampf: Der Masterplan für die Superhelden-Franchise sieht noch mindestens zwei Filme vor – und zwei Spin-Offs um die Schurken „Venom“ und „The Sinister Six“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2014)