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Konflikt: "Die Ukraine hat keine Zukunft"

A pro-Russian protester stands at barricades at police headquarters in eastern Ukrainian town of Slaviansk
(c) REUTERS (GLEB GARANICH)

Die Separatisten hoffen, dass es ihnen in Russland wirtschaftlich besser geht. Die Hinweise auf einen Einsatz russischer Soldaten mehren sich.

Donezk. Der Eingang zur Volksrepublik Donezk ist gut bewacht. Zwei Reihen von Barrikaden müssen passiert werden, bis der Zutritt erreicht ist. Aus Autoreifen, Pflastersteinen, Stacheldraht und Sandsäcken wurden wahre Mauern um das besetzte Gebäude der Gebietsverwaltung Donezk errichtet. Die Barrikaden zieren Spruchbänder und Flyer: „Wir verlangen ein Referendum!“, „Kein Faschismus!“ oder „Ukraine ohne EU!“ Daneben hängt eine Fotomontage, die ein Schwein mit dem charakteristischen blonden Haarkranz der ukrainischen Präsidentschaftskandidatin Julia Timoschenko zeigt. Auf Bildschirmen flimmern russische TV-Sendungen.

Auf dem Vorplatz zwischen den Barrikaden sind Zelte aufgeschlagen, die Luft riecht nach Rauch. Beim Eingang macht ein Plakat darauf aufmerksam, dass hier Alkohol verboten ist. Rechter Hand im Erdgeschoß des elfstöckigen Gebäudes, in dem Anfang April die Volksrepublik Donezk ausgerufen worden ist, sind Einmachgläser gestapelt. Es wird kostenloses Essen verteilt. Dahinter liegen zusammengerollte Decken und Matratzen. Linker Hand werden Medikamente ausgegeben. Die Wände sind mit Postern mit Sowjet-Motiven und Spruchbändern beklebt, auf denen die EU und USA aufgefordert werden, ihre Hände von der Ukraine zu lassen. Ein Zettel macht darauf aufmerksam, dass es verboten ist, Personen ohne Masken zu fotografieren. Daneben hängt eine Karte der Region Donezk. Darauf hat jemand mit Filzstift groß „Rossija“ (Russland) geschrieben.

Möbel und Computer sind aufeinandergestapelt, es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, überwiegend Männer, viele mit grünem Tarnanzug und Maske. Einige sind noch Teenager, andere bereits im Pensionsalter. Von den jüngeren tragen viele ein Abzeichen der Volksmiliz Donbass, einer bewaffneten prorussischen Gruppe. Die zuvor in dem im Sowjetstil errichteten Gebäude untergebrachte Verwaltung des Gebiets Donezk arbeitet nun von einem Hotel aus.

 

„Künstliches Gebilde Ukraine“

„Die Ukraine ist kein Staat und hat keine Zukunft. Das war schon immer ein künstliches Gebilde“, sagt Wasili, der sich als Historiker und ehemaliger Mitarbeiter der Polizei vorstellt. Er gehöre zu den Koordinatoren, erklärt er. Die Zukunft des Donbass liegt für ihn bei Russland. Fragen nach der stagnierenden russischen Wirtschaft werden überhört. Russland lässt die Seinen nicht im Stich, sagt er und fährt mit seinen kruden Ideen über die Junta in Kiew und den Westen fort. Währenddessen gehen im Hintergrund immer wieder maskierte Uniformierte mit Baseballschlägern und Äxten vorüber. Martialisch aussehende Mitglieder der Volksmiliz schleppen einen jungen Mann heran, eine hitzige Diskussion entsteht.

Im Gegensatz zur Stadt Slawjansk, die ebenfalls durch prorussische Kräfte besetzt wurde, sind dieser Tage in Donezk keine Schusswaffen zu sehen. In der 110 Kilometer nördlich von Donezk gelegenen Stadt patrouillieren maskierte Bewaffnete offen durch die Stadt. Über das Osterwochenende hat die angespannte Lage in Slawjansk bereits zu Todesopfern geführt (siehe Artikel unten).

Beobachter schätzen Slawjansk als eine Art militärisches Zentrum der Separatisten ein. Eine befreite Stadt soll hier geschaffen werden. Die Arbeit der Verwaltung ist zum Erliegen gekommen, die frühere Bürgermeisterin wird seit einigen Tagen festgehalten. Bedeutung hat die 117.000 Einwohner zählende Stadt nicht zuletzt durch ihre strategisch wichtige Lage an der Straße ins südrussische Rostow am Don.

 

Kämpfer aus dem Georgien-Krieg

Dagegen wird Donezk eher als politisches Zentrum der Separatisten betrachtet. Trotzdem ist auch hier mit Waffen zu rechnen. Danach gefragt, schiebt Wasili dies auf die Notwendigkeit, dass sich die Volksrepublik Donezk im Notfall verteidigen müsse. Von einer Präsenz russischer Soldaten in der Ostukraine könne jedoch keine Rede sein. Kiew hat Moskau in der Vorwoche bezichtigt, dass es sich bei mehreren der maskierten Bewaffneten ohne Hoheitsabzeichen in der Ostukraine um russische Armeeangehörige handle.

So hat die ukrainische Regierung laut der „New York Times“ der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) Fotos vorgelegt, die beweisen sollen, dass Soldaten, die im Georgien-Krieg 2008 auf russischer Seite gekämpft haben, sich nun in der Ostukraine befinden. Die OSZE spricht bislang einzig von Hinweisen und nicht von Beweisen für eine russische Militärpräsenz.

AUF EINEN BLICK

Die Hinweise auf einen verdeckten Einsatz russischer Soldaten in der Ostukraine mehren sich. Die Regierung in Kiew hat der OSZE Fotos vorgelegt, auf denen Soldaten aus dem Georgien-Einsatz 2008 in der Ostukraine identifiziert worden sind. Auch die Ausrüstung sei russischen Spezialeinheiten zuzuordnen, heißt es.

Schon vor einigen Tagen waren abgehörte Telefongespräche veröffentlicht worden, aus denen hervorgeht, dass Einsatzkräfte über russische Nummern mit Vorgesetzten kommunizieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2014)