Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Pop

Donaufestival: „Das sehe ich radikal anders“

INTERVIEW: TOMAS ZIERHOFER-KIN
TOMAS ZIERHOFER-KIN(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
  • Drucken

Tomas Zierhofer-Kin leitet das niederösterreichische Festival seit einem Jahrzehnt. Der „Presse“ erklärte er, wie man „das System von innen attackiert“.

Die Presse: Zehn Jahre Donaufestival unter Zierhofer-Kin – wie ist Ihr Resümee?

Zierhofer-Kin: Natürlich positiv. Wir hätten ja auch scheitern können. Die Vorgabe war ein zeitgenössisches Festival, wie immer man das definiert. Das gängige Vorurteil der Wiener Szene lautete ja damals: In Niederösterreich gibt es alles, was es ihn Wien gibt, nur schlechter. Die Frage war: Können wir etwas entwickeln, was es in Wien so nicht gibt?

Ihr Vorgänger Alf Krauliz hatte das Donaufestival ganz anders positioniert...

Als St. Pölten zur Landeshauptstadt wurde, wollte man in Niederösterreich ein Festival, das alle Attribute der Festwochen aufweist. Krauliz hatte reichlich Geld zur Verfügung und machte alles von Klassik über Avantgarde bis zum Zirkus. Wir sind inhaltlich weiter gegangen, und es wurde angenommen. Manchmal glaubt man, das Publikum unterschätzen zu müssen, aber die Menschen machen fast überall mit. Gerade die schwierigen Geschichten wurden mit den Jahren mehr und mehr angenommen. Das ist beglückend.

 

Das Donaufestival lockt viele junge Menschen. Warum?

Weil unser Angebot abseits eines engen Diskurses stattfindet. Wir bieten Tagestickets an, und der Besucher kann alles rezipieren: Performance, bildende Kunst, neue Formen von Theater, spezialisierte Musikbereiche. Bei uns probieren die Leute auch Dinge aus, die ihnen nicht so nah sind.

 

Degradiert man sich trotz allem kritischen und subversiven Gestus nicht zum Systemerhalter, wenn man sich vom Land subventionieren lässt?

Das sehe ich radikal anders. Wenn ich öffentliches Geld annehme, dann ist es weder Geld von einer Partei noch von einem politischen System. Wenn wir europäisch denken, gibt es einen Konsens, dass es so etwas wie öffentliches geistiges Gut gibt und es eine Verpflichtung der Gesellschaft ist, ihm Raum zu geben. Von Monsanto würde ich mich nicht sponsern lassen.

 

Noch nie wurde so viel gerechnet im Bereich der Kultur wie heute. Ist das nicht niederschmetternd?

Es ist selbstverständlich, dass man mit den Mitteln höchst verantwortungsvoll umgeht. Aber Kunst ist nur interessant, wenn sie frei ist und andere Möglichkeiten, andere Welten aufzeigt. Die höchsten Subventionen werden ohnehin an museal oder touristisch ausgerichtete Institutionen ausgeschüttet. Hochkulturbetriebe gehen zunehmend in so eine touristische Wellnessrichtung, der Pop-Underground bricht weg. Um so wichtiger ist die Rolle des Donaufestivals als Zukunftslabor.

 

Es scheint, als würden Sie in den vergangenen Jahren weniger Popmusik anbieten. Ist Ihnen die auch schon zu museal?

Nun, das Verhältnis ist immer noch 2:1. 50 Musikevents stehen zirka 25 Performances gegenüber. Wir spezialisieren uns bewusst auf musikalische Grenzgänger im Bereich von Elektronik und Noise. Die Indie-Pop-Szene hat ja ziemlich an Relevanz verloren.

 

Sie lassen es in Krems oft bedrohlich krachen. Ist Melodie etwas zu Bürgerliches?

Nein, gar nicht. Immerhin hatten wir Antony Hegarty, die Tindersticks oder Rufus Wainwright in Krems. Wir müssen nur darauf achten, den Musikbereich penibel zu strukturieren. Vorbild sind uns dabei Festivals wie das CTM in Berlin und das Unsound in Krakau. Die machen mit kleinen Namen alles voll.

Sie waren einst selbst Musiker. Was war Ihr Ansatz?

Ich war Komponist experimenteller Musik. Mein Lehrer war der polnische Avantgardist Boguslaw Schaeffer, ich hab mich für John Cage und Luigi Nono begeistert. Später, als ich mit Markus Hinterhäuser das Zeitfluss-Festival in Salzburg machte, interessierten mich schon ganz andere Sachen. Etwa das Phänomen, dass in der Avantgardemusik die Körperlichkeit total verschwunden ist. Es ergab auch Sinn, das konservative Publikum mit Musik zu konfrontieren, die sich weigert, einem Formenkanon zu entsprechen und sich für Unvorbereitete wie Lärm anhört.

 

Hat Kunst in unseren Zeiten noch echte gesellschaftliche Relevanz oder ist sie bloß noch Entertainment?

In der Popmusik wird alles, was sich gegen eine Marktstruktur entwickelt, sofort vom Markt absorbiert. Jedes noch so widerständige Projekt wird in Windeseile konsumierbar. Es ist nicht mehr möglich, sich außerhalb des Kapitalismus zu positionieren. Die einzige Möglichkeit, das System zu verändern, ist es von innen zu attackieren. Kunst hat neue Chancen, weil Politik, Wirtschaft und Religion wichtige Antworten schuldig bleiben. Mittlerweile fährt eine bürgerliche Mitte auf Kunstradikalismen ab. Das finde ich erfrischend.

 

Zur Jubiläumsausgabe kommen einige Künstler zum wiederholten Mal. Warum?

Wir wollen mit einigen feiern, die das Festival geprägt haben. God's Entertainment waren von Anfang an dabei, auch Peaches und Xiu Xiu sind Wiederkehrer.

 

God's Entertainment versprechen mit „Human Zoo“ diesmal, „frische Randgruppen auszustellen“. Was kann man sich darunter vorstellen?

Dieses Projekt war in Hamburg ein Theaterskandal, wie ihn selbst Schlingensief selten gehabt hat. Man trifft Menschen hinter Gittern, die man sonst eher nicht treffen würde. In Hamburg kamen Stimmen aus der Politik, die meinten, Käfighaltung wäre menschenunwürdig. Ein obdachloser Herr, der mitmachte, meinte allerdings, dass die Truppe mit diesem Projekt die unsichtbaren Gitterstäbe der Gesellschaft, die er das ganze Jahr zu spüren bekommt, sichtbar macht. Er hätte das ganze Jahr nicht so viel Ansprache wie in 24 Stunden im Human Zoo.

 

Was ist Ihr persönliches Highlight der Jubiläumsausgabe?

Die Performance von Keith Hennessy. 15 Menschen exponieren sich in einem Raum, um Zwänge abzuschütteln. Da wird Anarchie neu gedacht, in einem Theater, das keines ist. Hennessy will eine ästhetische Antwort auf das Zweckdenken der Wirtschaft geben. Nach zwei Stunden geht man da raus und hat ein Gefühl, als wäre man im Wald gewesen.

DONAUFESTIVAL 2014

„10 Years Redefining Arts“ ist heuer das Motto des Donaufestivals. Es wendet sich, so die Aussendung, „vermehrt Künstler und Künstlerinnen zu, deren Arbeiten sehr eng mit zentralen globalen Themen wie der Beziehung Mensch-Natur-Tier, Ausbeutung, Unterdrückung und Migration verbunden sind“. So stellt die Gruppe God's Entertainment in einem Zoo Vertreter von Randgruppen aus; Santiago Sierra untersucht mit Häftlingen der Justizanstalt Stein die Wirkung von Nahtoderfahrungen; Annie Sprinkle zeigt eine neue Version ihrer ökosexuellen Kunsthochzeiten. Das Festival findet am 25. und 26.April sowie von 30.April bis 3.Mai in Krems statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2014)