Die FDP will ihre Rolle als Zünglein an der Waage bei der Bundespräsidentenwahl im Mai offenbar auskosten - und dockt neuerdings bei der SPD an.
Berlin. Ein mahnender Zwischenruf aus Afrika hatte noch gefehlt. In der kenianischen Hauptstadt Nairobi weilend, beschied Bundeskanzler Gerhard Schröder der Opposition in der deutschen Heimat, nicht so lange herumzufackeln und endlich einen Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl zu nominieren. Parteitaktik dürfe das höchste Amt im Staate nicht beschädigen, fügte er hinzu. Die SPD hat zwar auch noch niemanden aufgestellt. Das ficht Schröder jedoch nicht an. Er sieht die Union und die FDP am Zug.
Denn sie stellen die Mehrheit in der Bundesversammlung. Dieses Gremium, das sich zur Hälfte aus den Abgeordneten des Bundestags und Delegierten der Länder zusammensetzt, soll am 23. Mai ein neues Staatsoberhaupt küren.
Abwarten und Unruhe in den Reihen des Gegners säen - so heißt das Spiel der Sozialdemokraten, seit Bundespräsident Johannes Rau vergangenen September verkündet hat, dass er auf eine zweite Amtszeit verzichte. Neuerdings klopfen die Liberalen an die Tür der Genossen. Vier Sondierungsgespräche seien in den vergangenen Tagen und Wochen geführt worden, berichtete am Dienstag der "Tagesspiegel". Und eine mögliche gemeinsame Kompromiss-Kandidatin wird auch schon kolportiert: die ehemalige Ausländer-Beauftragte der Regierung Kohl, Cornelia Schmalz-Jacobsen (FDP).
Die Freidemokraten sind unruhig geworden. Aufgescheucht hat sie offenbar der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU). Dieser hatte zu Beginn des Jahres erklärt, dass die CDU alles unternehmen müsse, um einen eigenen Kandidaten ins Präsidentenamt zu hieven. Seinen Favoriten nannte er auch gleich: den derzeitigen Vize-Fraktionschef Wolfgang Schäuble.
Seither versuchen die Liberalen, sich mit den Sozialdemokraten eine zweite Option aufzumachen. Entweder Schmalz-Jacobsen mit Rot-Grün oder der jetzige FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt mit der Union, lautet ihre neue Losung.
Die FDP ist fest entschlossen, ihre Rolle als Zünglein an der Waage in vollen Zügen auszukosten. Ohne ihre Stimmen hat weder die Union noch Rot-Grün eine Mehrheit. Allzu forsche Schachzüge könnten jedoch ins Abseits führen. Denn auch die CDU hat andere Möglichkeiten, als mit der FDP zu kooperieren. Sie könnte beispielsweise Klaus Töpfer, den Leiter des UN-Umweltprogramms Unep nominieren. Die Grünen haben bereits signalisiert, dass er für sie wählbar wäre.
Mehr oder minder festgelegt hat sich bisher einzig die CSU, und zwar auf Wolfgang Schäuble. Die CDU-Chefin Angela Merkel hält sich hingegen noch bedeckt.