Süße alte Kleine. Ein Publikumsliebling im Miniformat ist zurück: Die Serenissima, einst ein Hurtigruten-Postschiff, ist heute das vielleicht charmanteste Kreuzfahrtschiff auf den Weltmeeren.
An ihrem Bug prangt der Name der Stadt, in der ihr drittes Leben begann: Serenissima – Venedig. Nach einer Insolvenz Anfang 2009 hat die ehemalige MS Andrea unter russischer Eignerschaft nicht nur eine neue Heimat und einen Investor gefunden, sondern auch einen Reeder, der an sie glaubt. Vladimir Esakov hat das 53 Jahre alte Schiffchen, das weniger als ein Zehntel des ZDF-Traumschiffes misst, nach vier Jahren Liegezeit zum Taschengeldpreis von 860.000 Euro gekauft. Für den Schiffs-Oldie die letzte Chance, dem Schneidbrenner einer Abwrackwerft zu entgehen.
Für eine nicht näher bezifferte Millionensumme ließ Esakov das mit niedlichen 2300 Tonnen nur jachtgroße Schiff schleifen und spachteln – vor exklusivem In- kommt erst einmal das Exterieur. Nun spiegeln sich die Wellen auf einer leinwandglatten, dunkelblauen Außenhaut, der kleine Schiffskörper sieht aus wie aus dem Ei gepellt. Neue Teakholzdecks, zwei eigens konstruierte Rettungsboote, eine neue Klimaanlage und motorisierte Großschlauchboote für Landausflüge verschlangen des Rest von Esakovs Großzügigkeit.
Rückblende. Im ersten Leben hieß das damals hochmoderne Schiff Harald Jarl und fuhr ab 1960 mit eisenverstärktem Rumpf für die norwegische Postschifflinie Hurtigruten. Die rauen Bedingungen, unter denen es vierzig Jahre sommers wie winters seinen Dienst zwischen Bergen und Kirkenes versah, verlangten eine durch und durch solide Konstruktion. 2001 verliebt sich der Kroate Mato Stanović in den ausgemusterten Postliner, den er in Norwegen entdeckt hat – „in a place named hell“. Ihr erster Ziehvater berücksichtigt bei der neuen Innenausstattung liebevoll die skandinavische Geschichte, wählt helle Pastelltöne im gustavianischen Stil und kreiert ein bisher nicht da gewesenes Kreuzfahrterlebnis auf einem Minischiff, dessen Formen, Salons und Bordleben jedoch die Grandezza eines Ocean Liners haben. 2002 geht's auf große Fahrt, im verflixten siebenten Jahr bricht ihm aber der Ölpreis wirtschaftlich das Genick.
Das dritte Schiffsleben
2013 tritt die Serenissima in ihrem dritten Schiffsleben eine Jungfernreise an: von Venedig die kroatische Küste südwärts. Der Kapitän navigiert küstennah, nicht nur wegen der fehlenden Stabilisatoren. Niemand soll auf der Seh-Reise die spektakuläre Einfahrt in Kotor (Montenegro) verpassen. Ankunft erst um elf, damit alle Passagiere an Deck erkennen, warum das Land so heißt.
Vorsichtiges Navigieren zwischen den schwarzen Bergen, vorbei an verschlafenen Dörfern, dann scharf nach steuerbord, ein Gruß mit dem Nebelhorn. Tuten kann die Serenissima wie eine Große und weckt damit sämtliche Hunde auf, die mit lautem Gebell antworten. Kein Passagier, der nicht an Deck wäre. Man bewegt sich völlig frei; auf einem so kleinen Schiff haben Absperrungen keinen Sinn. Auf dem Vorschiff steht ein Whirlpool, daneben eine Bar. Noch weiter vorn erreicht man den scharf geschnittenen Bug und kann die Arme ausbreiten: Leo und Kate lassen grüßen. Auf keinem anderen Schiff ist die Bugspitze für Passagiere offen. Und wer den Kopf vorsichtig durch die Seitentür der Kommandobrücke schiebt, erntet ein verständnisvolles Lächeln, stehen doch die modernen Navigationsgerät diskret neben der hammerschlaggrünen Schiffstechnik von 1960.
Auf der Serenissima liegt das Management in der Hand des Eigners. Der Auswahl der Speisen bekommt das gut; auf ein opulentes Frühstücksbuffet mit einer nicht enden wollenden Auswahl frischer Brote folgt ein kleiner Lunch, der ebenfalls in Buffetform angeboten wird. Dabei ist die Speisenauswahl so geschickt zusammengestellt, dass sich zwischen Salaten und Pasta, Fisch und Fleisch, zwei Gemüsesorten und anderen Beilagen jeder Gast die rechte Menüfolge zusammenstellen kann. Am Abend wird ein Menü serviert, zu dem bei Kerzenschein würdige Herren aus goldenen Bilderrahmen auf die Tafel blicken.
Die Serenissima ist eine Weltentdeckerin: In ihrer ersten Saison 2013 war sie in Schottland, wo sie in der Manier Johannes Pauls II. den Boden geküsst hat. Aber der versehentliche, salzig-sandige Schmatz auf dem Meeresgrund konnte ihrem stabilen Körper nichts anhaben. Ostsee, Nordmeer, Schwarzes Meer – im Spätherbst beendete sie ihre erste Europa-Tournee und ging noch einmal in die Werft. Dort bekam sie Stabilisatoren. Wirtschaftlich hat sie die schon: Noble Caledonia in Großbritannien und Lernidee ErlebnisReisen (buchbar bei Ruefa) haben das kleine Schiff im Programm. Ein Glücksfall, denn Charme allein reicht nicht. Und einen Investor, der ihr ein viertes Leben gäbe, fände sie wohl nicht so leicht. ruefa.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2014)