Die neugierige Nase. Wer wollte der Ocean Majesty, einer gelifteten Lady, die verbliebenen Falten vorhalten? Dafür ist sie ein Schiff mit Charme – und zweimal Barbecue täglich an Bord.
Die Ocean Majesty ist der Beweis für den Aberglauben der Seeleute: Ein Schiff ist wie eine schöne Frau, kein Tag vergeht, an dem man nicht neue Facetten an ihr entdeckt. Vielfalt und Reichhaltigkeit sind die Stärken des kleinen, nicht neuen Schiffes, das jedoch aufwendig renoviert wurde. Mancher ihrer griechischen Landsleute würde sie heute darum beneiden, dass sie einen Job im deutschsprachigen Ausland gefunden hat.
Die Mannschaft rekrutiert sich jedoch kaum aus unseren Breiten. Zwei Österreicher in gehobenen gastronomischen Positionen, einige Griechen, der Rest trägt die samtbraune Haut und das stets freundliche Lächeln, wie es Menschen von Siam bis Ceylon seit alters her zu eigen ist. Damit punktet die Ocean Majesty, und das bunte Sammelsurium aus Macken und Vorzügen, Charme und Kuriositäten tritt in den Hintergrund.
Wer den großen, luftig hohen Speisesaal liebt, wird vielleicht die Deckenhöhe in den anderen Räumen niedrig finden. Wer die riesige Buffetstation auf dem Außendeck mit ihren endlos langen Essenszeiten entdeckt, würde sich vielleicht bei den Salaten mehr Abwechslung wünschen. Und ist sofort wieder versöhnt, wenn er an die Grillstation gelangt, die zweimal täglich eine Barbecue-Alternative anbietet, ein aufwendiger Luxus, der eigentlich Viersterneschiffen mit weit höherem Reisepreis vorbehalten ist. Sitzplätze gibt es auf dem Deck rund um den Pool genug, nur bei Regenwetter wird es eng. Der Innenbereich ist hübsch gestaltet, aber rasch überfüllt. Bei den Umbauten des Schiffes, gedacht fürs östliche Mittelmeer, hat niemand an Einsätze im Nordmeer gedacht. Nur auf wenigen Schiffen dieser Größe gibt es so viele verschiedene Bars und Locations, um Seetage oder Abende zu verbringen, oft mit Livemusik. Zudem hat ein genialer Schiffsarchitekt die Rauchzüge des Schornsteins an den Seiten hinaufgeführt. Das ermöglicht lange Gänge und Salons mit dem Eindruck äußerster Großzügigkeit.
Das Künstlerteam für alle, die gute Unterhaltung schätzen, übertrifft den Standard bei Weitem. Durchs Bühnenprogramm am Abend führt Eric Emmanuele, Show-Urgestein aus New York, und Mr. Red Shoes, der geniale Jazzpianist Claus Debusman, spielt bis spät in die Nacht.
Astrologin erstellt Horoskope
Dazu kommen wechselnde Gastkünstler: Astrologin Sabine Wunder nimmt die Passagiere abends mit aufs Deck Sterne gucken, und wertet sie in individuellen Horoskopen aus. Bestsellerautor Arno Strobel hat an Bord seine Passion fürs Lesen vor täglich treuem Publikum entdeckt und verspricht, dass ein Kreuzfahrtschiff die Bühne für einen der nächsten Krimis sein wird. Geniale Erfindung an Bord: das Nachtcafé, in dem es sich trefflich mit den Künstlern plaudern lässt.
Am Abend konkurrieren drei Unterhaltungsprogramme um die Gunst der Reisenden. Sauna und Fitnessbereich sind eher dürftig – werden sie deshalb wenig besucht? Oder liegt das an den umfangreichen Landprogrammen? Hier spielt das liebevoll OMY genannte Schiff seinen Größenvorteil voll aus und steckt die kleine, neugierige Nase mitten hinein ins Geschehen: ein Liegeplatz mitten in St.Petersburg? Kein Problem – während die Megaliner zwanzig Kilometer vor der Stadt festmachen müssen.
Dem Reiseleiterteam obliegt neben der Umsetzung und Begleitung der Landausflüge auch die Tages-Bespaßung, Lektoren bereiten auf die nächsten Ziele vor. Ihre kleinen Macken leugnet die Ocean Majesty nicht, aber wer wollte einer teilgelifteten Lady die verbliebenen Falten vorrechnen? Spätestens, wenn sie mit ihrem gutem Preis-Leistungs-Verhältnis punktet, indem Landausflüge und Nebenkosten an Bord konkurrenzlos günstig sind, gehen die Passagiere nach einem ereignisreichen Tag fröhlich zum Diner. Hier setzt die OMY noch eins drauf: Weißer und roter Tischwein sind gratis, bis zum Abwinken. hansatouristik.de
Die Kosten des Schiffstests durch den Autor trug der Veranstalter.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2014)