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„Gurke“: Londons kapitalistisches Wahrzeichen ist pleite

The 30 St Mary Axe skyscraper which is known locally as 'The Gherkin' is seen in London
GherkinREUTERS

Die Eigentümer der „Gurke“, eines Büroturms im Herzen Londons, haben sich mit Fremdwährungskrediten verspekuliert.

London. Kein Bauwerk hat die Skyline des modernen London in den vergangenen Jahren so nachhaltig geprägt wie der 2003 fertiggestellte Büroturm der Schweizer Versicherungsgesellschaft Swiss Re. Im Herzen der City gelegen, wurde das phallusartige Gebäude mit seinen 41 Stockwerken ein Symbol für den Finanzkapitalismus und erhielt den Spitznamen „Gherkin“, das Gurkerl. War das Gebäude aus dem Studio von Stararchitekt Norman Foster zwar ein ästhetischer Triumph, blieb es betriebswirtschaftlich bis heute ein Sorgenkind. Nun wurde sogar die Insolvenz über die Büroimmobilie verhängt.

Der Grund dafür ist, dass die Eigentümer des Gebäudes mit ihren Zinszahlungen seit Jahren in Verzug sind. Die deutsche IVG Immobilien, die 2007 den „Gherkin“ mehrheitlich erwarb, hatte den Kauf wie Millionen Häuselbauer mit hohen Fremdwährungskrediten, vorwiegend in Schweizer Franken, finanziert. Die eidgenössische Währung legte jedoch seither gegenüber dem britischen Pfund um mehr als 60 Prozent zu, der 2007 von IVG aufgenommene Betrag von umgerechnet 396 Millionen Pfund entspricht aktuell 644 Millionen Pfund (783 Millionen Euro).

IVG geriet in der Finanzkrise 2008 ins Trudeln und musste im Vorjahr schließlich Konkurs anmelden. Trotz der Schwierigkeiten wurde eine Zwangsverwaltung des prominenten Gebäudes so lange wie möglich hinausgezögert. „Die Hauptgläubiger haben sich damit nicht leichtgetan“, sagt Neville Kahn vom Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte, das als Insolvenzverwalter eingesetzt wurde. Immerhin sei die „Gurke“ ein „außergewöhnliches Bauwerk und ein weltbekanntes Londoner Wahrzeichen“.

Der nun anstehende Verkauf wird nach Ansicht von Beobachtern aber angesichts boomender Immobilienpreise in London keine Schwierigkeiten bereiten. „Der Wirtschaft geht es spürbar besser“, meint James Roberts vom Immobilienverwalter Knight Frank. Als Interessenten kämen sowohl Investoren aus dem arabischen Raum und dem Fernen Osten sowie internationale Pensionsfonds infrage. Das angestrebte Mindestgebot von 550 Millionen Pfund für das einst um 238 Millionen Pfund errichtete Gebäude sollte kein Problem darstellen. „Das Gebäude ist zu 99 Prozent ausgelastet, die Erträge sind gut“, sagt Kahn.

Der Verkauf soll in nur sechs Monaten über die Bühne gehen. Mit einer raschen Lösung soll auch einer Ansteckung des Sektors vorgebeugt werden. Immerhin verschwindet der „Gherkin“ heute rasant im Schatten immer neuer Hochhäuser, die oft ebenfalls auf gewagten Finanzkonstruktionen beruhen. Glyn Mummery von der Beratungsfirma FRP warnt: „Wir fürchten ähnliche kritische Momente für zahlreiche andere Investoren, die ihr Währungsrisiko falsch eingeschätzt haben.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2014)