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Krieg in Syrien: Töten für ein „Reich Gottes“

A rebel fighter carries an anti-tank weapon in the Armenian Christian town of Kasab
A rebel fighter carries an anti-tank weapon in the Armenian Christian town of Kasab(c) Reuters (STRINGER)
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Etwa 20.000 Ausländer kämpfen in den Reihen radikaler syrischer Rebellengruppen. Viele der Jihadisten enden bei den Extremisten von Isil, denen sogar das Terrornetzwerk al-Qaida „zu pragmatisch“ ist.

Sie kommen aus aller Herren Länder: Indonesien, Pakistan, Saudiarabien, Kuwait, Algerien und Tschetschenien, Frankreich, Großbritannien, Deutschland und auch Österreich. Bis zu 20.000 Ausländer sollen in den syrischen Bürgerkrieg gezogen sein. Der überwiegende Teil stammt aus muslimischen Ländern. Darunter sind altgediente Jihadisten genauso wie Anfänger im Kriegshandwerk. Die meisten sind beim „Islamischen Staat im Irak und in der Levante“ (Isil) gelandet. Diese Gruppe gilt als die härteste und prinzipientreueste, die für den „wahren“, weltweiten Jihad steht. Isil kritisiert sogar das Terrornetzwerk al-Qaida des 2011 getöteten Osama bin Laden. Al-Qaida sei zu pragmatisch und biedere sich den „Ungläubigen“ an, statt sie zu bekämpfen, so Isil.

Ein im Vergleich kleinerer Anteil ausländischer Gotteskrieger ist bei Jabhat al-Nusra oder auch Ahrar al-Sham im Dienst, die beide enge Kontakte zu al-Qaida besitzen. Bei Isil sind die Ausländer oft nach Nationalitäten und Sprachen eingeteilt: Deutsche und Österreicher sind in einer Einheit, in einer anderen französischsprachige Kämpfer aus Belgien, Frankreich, Tunesien oder Marokko. Die meisten Einheiten setzen sich aus Arabern zusammen. Jede Einheit hat rund 100 Mann und eine eigene Basis, die sogenannte Makar.

Frauen und Kinder der Kämpfer sind in der gleichen Gegend untergebracht. Einige Frauen kommen aus Europa, um einen Jihadisten zu heiraten und die Männer so im „Kampf für den Islam“ zu unterstützen. Es werden auch Frauen von Stämmen oder Familien in Syrien geheiratet. Verwandtschaft stärkt Verbindungen.

 

Trainingscamps in Libyen

Es gibt verschiedene Wege, wie die ausländischen Kämpfer nach Syrien gelangen. Die einen reisen in Eigeninitiative in die türkischen Grenzgebiete zu Syrien und werden von Kontaktleuten nach Syrien gebracht. Gerade unerfahrene Europäer nehmen diese Route. Sie absolvieren ihr militärisches Training in Camps von Isil oder Jabhat al-Nusra, bevor sie an die Front gehen. Männer aus den Golfstaaten fliegen in den Irak und werden dort bei extremistischen Gruppen ausgebildet. Viele nehmen auch den Weg über Libyen. Von Ägypten aus ist es nicht weit nach Derna, einer Stadt im Osten Libyens, die in den vergangenen Jahren Zentrum von al-Qaida und Ansar al-Sharia wurde. Dort gibt es gleich mehrere Lager, in denen Ausländer trainiert werden: Tunesier, Marokkaner, Algerier, aber auch Jihadisten aus Nigeria, Pakistan, Afghanistan, Somalia oder aus Saudiarabien.

In Kleingruppen werden sie von einem Mitglied von Ansar al-Sharia in die Türkei begleitet. Flug und Verpflegung werden bezahlt. In der Türkei lässt man Pässe und Handys bei einer Kontaktstelle, die eine Moschee oder ein Geschäft sein kann. Danach geht es über die Grenze nach Syrien. In Kleinbussen warten Frauen mit Kindern auf die Kämpfer, die so vorübergehend eine neue Familie gefunden haben. „Die türkischen Soldaten wissen das natürlich alles, tun aber nichts“, berichtet ein Libyer, der diesen Weg nach Syrien ging. „Sie drücken beide Augen zu.“

 

Traum von „gelobtem Land“

Die Männer aus dem Ausland kämpfen im „Namen Allahs“, wobei die Hilfe für das syrische Volk zweitrangig ist. Die Levante sei „gelobtes Land“ und der „Boden der Ehre“. In al-Ghouta, dem Stadtteil von Damaskus, in dem bei einem Gasangriff im August vergangenen Jahres Hunderte von Menschen starben, soll der letzte Kampf des islamischen Heeres stattfinden und damit den Beginn des jüngsten Gerichts einläuten.

Die Islamisten haben das große Ziel vor Augen: Syrien ist nur der erste Schritt auf dem Weg zum islamischen Weltreich von einst. Man träumt von der Rückeroberung Mekkas, Istanbuls und Andalusiens.

„So Gott will, wird uns das gelingen“, meint Abu Mohammed, der von Isil zu Jund al-Aksa, den „Soldaten Jerusalems“, gewechselt ist. Der 42-Jährige, der vor 16 Jahren zum Islam konvertiert ist, stammt aus Belgien. Er hatte die Gelegenheit zur Flucht genutzt, als Isil im Jänner in Aleppo von rivalisierenden Rebellengruppen angegriffen wurde. „Isil hat viele Fehler gemacht, deshalb bin ich gegangen“, erzählt Abu Mohammed. Mit „Fehlern“ meint er die gnadenlose Verfolgung von allen, die im Verdacht stehen, die Organisation zu kritisieren.

Folter und Mord stehen bei Isil auf der Tagesordnung. Die Gruppe ist bekannt dafür, „Ungläubigen“ die Köpfe abzuschneiden. Sie posieren mit den Köpfen und veröffentlichten die Fotos im Internet. Eines der abscheulichsten Beispiele: Abu Durahman alias Khalid K. posierte mit fünf Köpfen. Er stammt aus den Niederlanden und hat sich in Syrien den Beinamen „der Metzger“ von Isil erworben. „Für Europa klingt das schockierend, aber die Leute sind doch gleich tot“, befindet Abu Mohammed. „Viel schlimmer ist es, jemandem ein Auto zu stehlen, das er dann vermisst.“

 

Wilde Verschwörungstheorien

In diesen extremistischen Kreisen, zu denen man auch andere Gruppen wie Jabhat al-Nusra oder Ahrar al-Sham rechnen kann, spielen Politik oder Ökonomie als Motivation eine untergeordnete Rolle. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes „Gotteskrieger“. Im „Auftrag Allahs“ setzen sie das durch, was sie unter seinem göttlichen Willen verstehen. Und gegen den Willen Gottes kann man schlecht etwas einwenden. „Es ist eine spirituelle Kraft, die die Welt aus der Balance gebracht hat“, glaubt Abu Mohammed. „Dahinter steckt die Religion des Zionismus, die versucht, die gesamte Welt zu täuschen.“ Es klingt wie ein Amalgam aus Verschwörungstheorien. Man könnte darüber lachen, wenn die Sache nicht so ernst und gefährlich wäre. „Wir sind tolerant“, behauptet Abu Mohammed. „Aber auf Dauer kann in der Levante nur jemand leben, der die gleiche Vision hat wie wir.“

 

„Avantgarde des Erwachens“

Die Devise ist: Zurück zum Ursprung, zum Paradies, das es zu Lebzeiten des Propheten und der vier rechtgeleiteten Kalifen angeblich gegeben hat. Wem Kalifat und Scharia wie vor Jahrhunderten nicht gefällt, macht sich besser aus dem Staub. Kritik wird nicht geduldet, denn diese Islamisten begreifen sich als „Avantgarde des neuen islamischen Erwachens“ – und als die Einzigen, die die wahre Botschaft Gottes kennen. Für die Zukunft Syriens wäre es ein Desaster, sollten diese selbst erwählten Gesandten Gottes tatsächlich die Oberhand bekommen.

AUF EINEN BLICK

Im syrischen Bürgerkrieg treiben auch zahlreiche radikale Organisationen ihr Unwesen, die sowohl gegen das syrische Regime von Bashar al-Assad als auch gegen andere, moderatere Rebelleneinheiten kämpfen. Die extremistischste dieser Jihadisten-Gruppen ist „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ (Isil).

Wegen der massiven Übergriffe gegen syrische Zivilisten hat sich sogar das Terrornetzwerk al-Qaida von Isil distanziert. Isil wiederum wirft al-Qaida vor, zu „pragmatisch“ zu sein und die wahren Werte des Jihad verraten zu haben. Kämpfer aus dem Ausland, vor allem jene aus Europa, finden in erster Linie bei Isil Aufnahme. Daneben rekrutieren auch Organisationen wie Ahrar al-Sham und die al-Qaida-nahe Jabhat al-Nusra ausländische Jihadisten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2014)