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Auf ausgiebigem Terrortraining im syrischen Schlachthaus

Civil Defence workers remove debris at a site hit by what activists said were barrel bombs dropped by forces loyal to Syria's President Assad in Aleppo
Civil Defence workers remove debris at a site hit by what activists said were barrel bombs dropped by forces loyal to Syria's President Assad in AleppoREUTERS
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Solange der syrische Bürgerkrieg andauert, wird er für islamische Fanatiker auch aus westlichen Ländern wie ein Magnet wirken.

Bashar al-Assad, der syrische Machthaber, fühlt sich so stark wie schon lange nicht mehr. So stark, dass er in seinem blutenden, zerrissenen, zerstörten Land im bereits vierten Bürgerkriegsjahr Präsidentenwahlen angesetzt hat. Am 3. Juni will er sich als Staatschef von der Bevölkerung bestätigen lassen – eben dort, wo in einem umkämpften Land Urnen aufgestellt werden und Bürger ungehindert zur Wahl gehen können. Gewiss die Parodie einer Wahl – und man fragt sich, wozu Assad diese Farce überhaupt inszenieren lässt, wem er damit was beweisen will.

Es ist eine Tatsache, dass das Assad-Regime zuletzt wieder an Boden gewonnen hat. Strategisch wichtige Städte in der Nähe von Damaskus und an der Grenze zum Libanon wurden zurückerobert. Die syrische Armee hat sich nach den zahlreichen Desertionen sunnitischer Offiziere nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs konsolidiert, sie hat auch an Kampferfahrung gewonnen. Vor allem hat sie auch die kampferprobten Hisbollah-Krieger aus dem Libanon auf ihrer Seite, die bei Nahkämpfen als Sturmtruppen fungieren. Bis zu 5000 Mann sollen das sein.

Auch die Zerstrittenheit der Regimegegner erleichterte Assad die jüngsten Terraingewinne. Dazu kommt natürlich, dass sich inzwischen überall herumgesprochen hat, wie es in Regionen zugeht, in denen islamistische Rebellen das Sagen haben. Der Umgang mit den Zivilisten ist dort genauso grausam wie in jenen Landesteilen, in denen das Assad-Regime schaltet und waltet. Gerade die Minderheiten aber – Alawiten sowieso, aber auch Christen, Drusen und Ismailiten – rückten angesichts der Berichte über die Terrorherrschaft von Islamisten im Norden Syriens noch enger hinter dem Regime zusammen. Behauptungen freilich, Assad könnte heimlich sogar mit der besonders furchtbar wütenden Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ gemeinsame Sache machen, entspringen wohl eher Verschwörungsfantasien.

Tatsache ist: Dieser Bürgerkrieg wird immer hinterhältiger, brutaler, grausamer. 150.000 Tote wurden Anfang April gezählt, jeden Tag kommen wenigstens weitere 150Opfer tödlicher Gewalt hinzu. Die Zahl der Flüchtlinge im In- und Ausland wird derzeit mit neun Millionen angegeben. Und mitten in diesem Schlachthaus tummeln sich auch noch zwischen 1200 und 2000 Fanatiker aus den USA und Europa, möglicherweise auch über 100 aus Österreich, die sich vornehmlich den ganz harten islamistischen Rebellengruppen anschließen.

Die Brutalisierung dieser Leute in der täglichen Gewaltorgie kann man sich leicht ausmalen. Schon gab es Berichte, wonach frisch ankommende Rekruten für den Heiligen Krieg aus dem Westen zur Aufnahmeprüfung gleich einmal einer Geisel die Kehle durchschneiden müssen, um zu prüfen, ob sie für ein Mitmachen beim Gemetzel taugen. So die Gotteskrieger ihren Einsatz im syrischen Bürgerkrieg überleben, kommen wohl die meisten als verrohte, brutalisierte, gewaltbereite Menschen in ihre Heimatländer zurück.

Kein Wunder, dass bei den Sicherheitsdiensten vieler westeuropäischer Länder überlaut die Alarmglocken schrillen. Die französische Regierung hat gerade Maßnahmen angekündigt, die verhindern sollen, dass potenzielle Gotteskrieger eine Reise in Richtung Syrien antreten können. Wichtigster Ansprechpartner bei allen Versuchen, Syrien-Aufenthalte von westlichen Jihadisten zu kontrollieren beziehungsweise zu verhindern, wäre die Türkei; über deren Südgrenze sickern die ausländischen Kämpfer nach Syrien ein und werden mit Waffen und Nachschub versorgt.

Freilich, solange der syrische Bürgerkrieg andauert, wird er wie ein Magnet für islamische Fanatiker sein. Zu beenden wäre also zuallererst dieser Bürgerkrieg – und das ginge nur, wenn auch all die ausländischen Strippenzieher, allen voran die USA, Russland, der Iran, Saudiarabien, die Türkei, Katar, bereit wären, ihren jeweiligen „Marionetten“ die Unterstützung zu entziehen. Klar ist inzwischen auch: Noch immer zu glauben, dass auch ohne Assad und den Iran eine Lösung für Syrien möglich wäre, ist ein Irrglaube. Ja, ist sogar eine Dummheit.

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2014)