Gerade Damien Hirst soll sich neben Arnulf Rainer als „richtiger“ Maler beweisen. Das ging zwar traurig aus für ihn, aber wunderschön für die Ausstellung.
Damien Hirst und Arnulf Rainer, eine schrägere Kombination könnte man sich gar nicht ausdenken. Gerade einmal die bekannt pragmatische Einstellung der beiden zum Kunstmarkt verbindet sie, könnte man denken. Doch diese Verbindung wird hier tunlichst außer Acht gelassen. Und das „Durcheinander“, so der Titel der Schau, betont: Die Ausstellung entstand, gibt das für Rainer hierzulande zuständige Kuratorenurgestein Rudi Fuchs unumwunden zu, doch aus einem reinen Zufall heraus. Gerade auf dem Weg zum Badener Rainer-Museum, tratschte er vor geraumer Zeit gerade ein bisschen mit seinem Freund Damien am Telefon. Als dieser ihn ganz ergriffen und erstaunt fragte: „Ja, lebt denn dieser Rainer noch?“
Und wie! Mitte 80 und scheinbar völlig ohne Furcht, nicht einmal vor derartigen Kunstmarktgespenstern wie dem berüchtigten Hai-Hirst. Schnell war eine gemeinsame Ausstellung fixiert, ein Coup für Fuchs, für Rainer und für das Badener Museum, vor dem am Mittwoch tatsächlich Autogrammjäger standen. Woher sie vom geheimen Kurzbesuch des Brit-Art-Stars Wind bekommen haben, weiß keiner, er weilte praktisch nur über Nacht im Lande, mit weißen Turnschuhen und langer Goldkette stilgerecht zum Meet and Greet mit dem verehrten Alt-Maler angereist.
Die Ausstellung schien Hirst bei seinem Rundgang jedenfalls zu konvenieren. Bei der schüchternen Frage danach, was denn für sie eigentlich gute, was schlechte Malerei bedeute, wichen sowohl Hirst wie auch Fuchs in den schwammigen Nebel des persönlichen Wohlgefühls aus: Wer könne schon sagen, ob Mondrian oder Munch besser wäre? Am Morgen entscheide man sich vielleicht für den einen, am Abend für den anderen. Bei Hirst/Rainer entscheidet sich die Kritikerin zu Mittag für Letzteren.
Der dritte männliche Starpartner
Keine besonders mutige Entscheidung. Hirst-Bashing ist eine der beliebtesten (und unfairsten) Sportarten der Kunstszene. Im Falle dieser Ausstellung, nach den vergangenen Paarläufen mit Baselitz und Mario Merz nun der dritte mit männlichem Promi, wurde es Rainer aber leicht gemacht. Auf jede seiner Übermalungen, sei sie noch so kontemplativ, wild oder poetisch, liefert Hirst dieselbe kanonische Antwort: Memento mori. Kurator Fuchs entschied sich, den gesamten Hirst-Gastauftritt mit nur einer Bilderserie zu bestreiten, die nun einmal nicht wahnsinnig variantenreich ist, mit Stillleben aus Kirschblüten, Haifischgebissen, Schmetterlingen und Papageien vor dunklem Grund, alle ungefähr zwischen 2008 und 2012 entstanden, alle von Hirst eigenhändig gemalt.
Dieser Hinweis auf die Authentizität des Malers Hirst scheint enorm wichtig in dieser Selbstdarstellung, schließlich sollen sich hier ja zwei klassische Maler auf Augenhöhe begegnen, nicht die Meisterwerke eines stilisierten Malergenies und die Studioproduktion eines stilisierten Provokationsgenies. In der Malerei ist mit der Authentizität schließlich nicht zu spaßen. Also eigenhändig gegen eigenhändig. So eigenhändig, wie Hirst immer sein wollte, aber sich nicht traute, wie er sagt. So eigenhändig, wie Rainer nie sein wollte, der dagegen sowohl Drogen nahm als auch Affen beschäftigte. Derart mehrstimmig kommen Rainers Bilder auch daher, derart einsam wirkt Hirst. Was zumindest einen schönen Rhythmus ergibt, das muss man dieser Ausstellung wirklich lassen.
Sie ist ästhetisch ausgeklügelt gehängt, in einem vom Kurator eigens angelegten, im Katalog als drittes Kunstwerk prominent abgebildeten Skizzenbuch erschaffen. Ein wenig scheel beäugt manchmal von der Nebenseite aus, von Hirsts Papagei, Vanitas-Symbol der Eitelkeit des Menschen. Zumindest kamen einem Rainers Bilder noch nie so morbid vor wie in diesem Duett. Und so wild! Pinselt der Brite brav mit Anleihen an Francis Bacons angedeutete Kraftlinien und Sigmar Polkes Punkteraster von Tod und Vergänglichkeit, griff Rainer mit beiden Händen voll in die Farben. Dunkle Handabdrücke überall auf den Leinwänden sieht man und denkt an Heinrich Heines „Belsazar“: „Die Mitternacht zog näher schon; In stummer Ruh lag Babylon.“ An der Wand erscheint dem König die Unglücksbotschaft, wie von unsichtbarer Hand geschrieben, bei Rainer sieht man diese nur allzu deutlich. Während sein Menetekel die Malerei selbst ist, ist seine verschlüsselte Botschaft an Hirst klar: „Du wurdest gewogen und für zu leicht befunden.“ Als „eigenhändiger“ Maler zumindest.
Bis 5. Oktober, tägl. 10–17 Uhr
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2014)