Sprache ist fluid

Die deutsche Sprache bewegt sich ständig, besonders dann, wenn sie von Migranten gesprochen wird: Von Ebru und dem Wiener Allgemeinen Krankenhaus.

Es sind die Konsonanten, sag ich nur. Tauchen zu viele Konsonanten in einem deutschen Wort auf, dann findet sich die türkische Zunge erst einmal in einem konfusen Zustand wieder. Eines muss man schon sagen: Die deutsche Sprache ist – im Vergleich – sehr konsonantenschwanger, und damit meine ich Wörter mit zwei oder mehr Konsonanten hintereinander. Nicht, dass es dieses Phänomen in der türkischen Sprache nicht gäbe – denke nur an den Namen Ebru, an iflâs (bankrott) oder abla (Schwester) –, aber bei diesen Wörtern handelt es sich um kleine, feine Dinger, die kommen nicht daher wie Pflichtversicherung oder Manschettenknopf. Daher geht die Aussprache von konsonantenschweren Wörtern bei vielen Türken ins Gemeingefährliche. Zu Manschettenknopf zum Beispiel sagt mein Vater Menschewiken Kopf (gerne kombiniert mit dem Scherz: „Können auch nur Bolschewiken tragen“ – samt anschließendem Lachanfall plus einer zufriedenen Anmerkung über die eigene Witzfähigkeit).

Von einer echten Meisterleistung aus der Sparte türkisch-deutsche Wortschöpfungen hat mir indessen ein Freund erzählt – es betrifft das Allgemeine Krankenhaus. Ich weiß zwar nicht, wann genau daraus das Aldemirli Krankenhavuz wurde, aber immerhin ist das Konstrukt nachvollziehbar: Aldemir ist ein weitverbreiteter türkischer Familienname, havuz bedeutet Hallenbad – und krank ist einfach krank geblieben. So gesehen ist das AKH das Indoor-Krankenbecken vom Aldemir, und da überlegst du dir halt schon zwei Mal, ob du dich da operieren lässt. Aber bitte, die türkische Community hat nicht das Patent auf verschrobene Bezeichnungen. Für die italienische Mutter meiner Freundin Giulia ist Meerrettich schlicht und einfach Metternich, das Damoklesschwert ist Amokles Pferd – und am allerbesten gefällt mir noch immer die Interpretation der deutschen Sprache von der Ex-Jugo-Community. Ich sag nur Schloss Šenebrun.

Fluid. Sprache ist fluid, sie bewegt sich ständig in alle Richtungen, sie ändert sich nicht nur mit den Migrantencommunitys, sondern auch durch die vielen Anglizismen, Social Media usw. Aber jetzt bin ich wieder abgedriftet bis dort hinaus, ich wollte ja zu den Konsonanten. Dadurch, dass es in der türkischen Sprache wenige Wörter mit mehreren Konsonanten hintereinander gibt, überschütten viele türkische Migranten die deutschen Bezeichnungen mit Vokalen. Aus Schmerzen wird Schimerzen, aus Gruß wird Guruß, aus Innsbruck wird Innsburuck, aus privat wird pirivat usw. Das Vokaleinfügen hat durchaus System: In den meisten Fällen wird ein Vokal verdoppelt, der bereits im Wort vorkommt. Und bei den anderen Fällen passt vermutlich ein anderer Vokal besser ins Wort. Weil: Schemerzen – das klingt nun wirklich unmöglich.

duygu.oezkan@diepresse.com

diepresse.com/diesetuerken

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2014)

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