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Die Früchte der Frauen

Martina Schmidthaler untersuchte die intensive Nutzung von Wirtschaftsäpfeln auf Bauernhöfen im niederösterreichischen Mostviertel.

Das Mostviertel ist für seine blühenden Birnbäume berühmt, die den Most liefern, der früher vielen Bauern Wohlstand gesichert hat. In einem Forschungsprojekt über Streuobstwiesen fand die Landschaftsplanerin Martina Schmidthaler jedoch auch überraschend viele unbekannte Apfelsorten.

„Die Birnbäume waren Sache des Bauern. Bei Fragen über Äpfel hieß es aber immer: ,Da musst die Frau fragen‘“, erzählt Schmidthaler vom Ausgangspunkt ihrer Arbeit: über alte Apfelsorten und die Subsistenzwirtschaft der Frauen (Boku Wien, Institut für Landschaftsplanung, Betreuerin: Gerda Schneider). „Ich wollte die nicht monetäre Arbeit der Frauen sichtbar machen, ohne die die ganze ländliche Wirtschaft nicht funktionieren würde, über die aber nie jemand spricht. Oder forscht.“
Unter anderem konnte Schmidthaler zeigen, dass Streuobstwiesen nicht verschwinden, wenn die Milchwirtschaft aufgegeben wird – eine oft kolportierte Meinung. „Das stimmt nicht. Es gibt eine Trennung zwischen landwirtschaftlicher und hauswirtschaftlicher Nutzung“, betont sie, „und die Wirtschaftsäpfel sind den Frauen wichtig, die werden sie auch weiterhin nutzen.“ Die Sorten sind so konzipiert, dass die Frauen das ganze Jahr über damit auskommen. Und Verschiedenstes damit machen können: „Vielleicht sind die Äpfel geschmacklich nicht so toll, aber praktisch: Da gibt es Sorten mit einer gewissen Säure fürs Kochen, solche, die weiß bleiben, super Strudeläpfel, andere, die bis zum Juni halten.“

Im krassen Widerspruch zur hohen Wertschätzung durch die Bäuerinnen steht das Ignorieren dieser Obstgruppe seitens der Pomologie, der Obstbaukunde: Bis dato wurden Wirtschaftsäpfel pomologisch kaum beschrieben – was bedeutet, dass sie offiziell nicht existieren. Schmidthaler fand auf fünf Höfen nicht weniger als 64 Sorten, oft ohne Namen, ein Drittel davon akut gefährdet, in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren zu verschwinden, „weil sie nicht oder nicht mehr systematisch vermehrt, nur von Hof zu Hof weitergegeben werden“.

Um diese Vielfalt, deren Erhalt Österreich und die EU sich vollmundig auf die Fahnen geschrieben haben, ohne viel dafür zu tun, und um das Wissen der Frauen über diese Äpfel zu dokumentieren, beschrieb Schmidthaler 56 Sorten detailliert. Auch in der Hoffnung, sie damit für Baumschulen interessanter und erhaltenswerter zu machen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2014)