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Ogris und Polster: "Wir stecken in einer Schublade"

Andreas Ogris und Toni Polster
Andreas Ogris und Toni PolsterDie Presse
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Als Spieler Teamkollegen, als Trainer Konkurrenten in der dritthöchsten Spielklasse. Die Austria-Legenden Andreas Ogris und Toni Polster über Widerstände, Vorurteile und echte Typen.

Die beiden Herren erscheinen überpünktlich zum vereinbarten Interviewtermin. Andreas Ogris erkennt das schicke Gefährt seines Freundes sofort. „Da kommt er schon, der Bomber“, grinst Ogris. Wenige Augenblicke später liegen sich Ogris und Toni Polster in den Armen, erkundigen sich nach dem Wohlbefinden des anderen. Hier, auf dem Vereinsgelände der Wiener Austria, haben sich die Wege der beiden violetten Legenden erstmals gekreuzt.

 

Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung erinnern?

Andreas Ogris: Ziemlich gut sogar. Ich bin dem Toni auf einem Trainingsplatz über den Weg gelaufen, damals war ich gerade einmal zehn Jahre alt. Der Toni war mir von Anfang an sympathisch. Er hatte schon immer diese offene Art.


Toni Polster: Der Andi ist ja schon wegen seiner Körpergröße aufgefallen. Er war irrsinnig klein und seine knallroten Haare haben so geglänzt, dass du sie noch drei Plätze weiter gesehen hast.


Ogris: Es gibt ein super Bild von gemeinsamen Bundesheertagen. Lauter erwachsene Männer und ein Kind. Ich habe damals unglaublich jung ausgesehen. Das ist jetzt nicht mehr so.

Wir unterhalten uns an Ihrer alten Wirkungsstätte. Eine sentimentale Angelegenheit?

Polster: So würde ich es nicht sagen, aber die Verbundenheit zur Austria wird immer da sein, wir sind hier schließlich groß geworden. Ich habe immer noch das Bild mit der Holztribüne im Kopf. Und ich erinnere mich noch an Zeiten, als sich der Schiedsrichter bei uns in der Kabine duschen musste, weil er keine eigene hatte. Wenn wir ein Spiel nicht gewonnen hatten und der Schiedsrichter noch dazu nicht gut war, hat er sich in der Dusche schon mal etwas anhören können, speziell von Prohaska und Koncilia. Die beiden haben das Sudern ja erfunden.(lacht)

Ogris: Da waren wir zwei noch die Harmlosesten.

 

Mittwochabend wird Ihre Freundschaft für 90 Minuten ruhen, Sie stehen sich in der Regionalliga Ost als Trainer der Austria Amateure und der Wiener Viktoria gegenüber. Waren Sie in der Vergangenheit schon einmal Konkurrenten?

Ogris: In der Schülerliga als junge Burschen und als Profis in Spanien, aber das ist lange her. Aber ein Trainerduell gegen den Toni ist schon etwas Spezielles für mich.

Polster: Wobei für mich das Spiel noch wichtiger ist. Wiener Viktoria braucht im Abstiegskampf unbedingt Punkte.

 

Werden Sie sich vorab der psychologischen Kriegsführung bedienen?

Polster: Ich werde dem Andi per SMS die falsche Aufstellung schicken. Vielleicht kann ich ihn ja verwirren.

Ogris: Ich weiß, dass der Toni großen Wert auf ruhigen Schlaf legt. Ich werde ihn zwei-, dreimal anrufen und ihn fragen, ob er auch nicht schlafen kann.
Polster: Das Handy wird nicht aufgedreht sein. (lacht)

 

Sie blicken beide auf eine erfolgreiche Karriere als Spieler zurück. Warum trainieren Sie nur in der dritthöchsten Spielklasse?

Polster: Nach meinem Engagement bei der Admira habe ich für mich selbst festgestellt, dass es nicht mehr so erstrebenswert ist, ganz oben zu trainieren. Ich habe ehrlich keine Lust, zehnmal am Tag kontrollieren zu müssen, ob mein Trainerstuhl nicht schon angesägt wurde. Erfolgreiche Arbeit setzt voraus, dass alle an einem Strang ziehen. Das war bei der Admira nicht so.

Ogris: Der Antrieb, höherklassige Vereine zu trainieren, ist immer noch da, sonst hätte ich nicht über fünf Jahre und viel Geld in die Trainerausbildung investiert. Für mich hat sich früh die Möglichkeit ergeben, in der Austria-Akademie zu arbeiten, jetzt auch parallel dazu die Amateure zu betreuen. Ich würde gern in der Bundesliga arbeiten, aber ich mache mir diesbezüglich keinen Stress. Und um auf den Toni einzugehen: Ich bin davon überzeugt, dass er nochmals ganz oben seine Chance bekommen wird. Alle, die jetzt den Polster abschreiben, täuschen sich. Jetzt geht's erst los. So schaut's aus.

 

Wenn es nicht in Österreich klappt, dann vielleicht im Ausland?

Polster: Es ist nicht so, dass im Ausland die Mannschaften auf uns österreichische Trainer warten. Die Wahrheit ist, dass wir keine Lobby haben, nicht einmal im eigenen Land. Während andere Nationen auf dem Trainersektor ungemein zusammenhalten, gibt es bei uns niemanden, der einem Türen öffnet. Wenn in Griechenland ein serbischer Trainer entlassen wird, stehen die nächsten drei Serben schon vor der Tür und einer davon wird der Nachfolger. In Österreich läuft es so, dass Paul Gludovatz, der Leiter der Trainerausbildung, in Graz in seiner Zeit als Sturm-Sportdirektor mit Peter Hyballa einen Deutschen engagiert hat. Und der ÖFB setzt auf einen Schweizer. Uns hilft niemand.

 

Sehen Sie das genauso, Herr Ogris?

Ogris: Ich sehe das auf jeden Fall ähnlich. Man braucht sich nur hierzulande umsehen, wie viele gute heimische Trainer keinen Job haben. Da werden lieber ausländische Trainer angestellt, die über einen super Manager verfügen, der sie überall ins Gespräch bringt. Fußball-Österreich hat international kein gutes Standing, wir werden noch immer ein wenig belächelt. Kleine Liga, kleines Land – was sollen wir schon erreichen? Gott sei Dank hat der Petzi (Peter Stöger,Anm.) in Köln gezeigt, dass Österreich sehr wohl Fachleute hat. Das kann noch ein ganz elementarer Mosaikstein für die Zukunft sein, damit österreichische Trainer wieder gefragter sind.

 

Wie gehen Sie mit Niederlagen um?

Polster: Ich hasse es zu verlieren, da geht es mir genauso wie dem Andi, von dem weiß ich es. Und genau diese Einstellung vermisse ich manchmal bei meinen Spielern. Ich habe vor Jahren meinen Buben beim Kartfahren zweimal überholt, er hat daraufhin bitterlich zu weinen begonnen. Meine Ex-frau hat mich daraufhin kritisiert und gemeint, ich soll ihn doch vorfahren lassen. Aber das widerspricht meinen Prinzipien. Ich bin ein sehr schlechter Verlierer.

Ogris: Solange ich lebe werde ich mich nie an das Verlieren gewöhnen. Das kann ich und will ich gar nicht. Und in diesem Punkt schließe ich mich dem Toni voll und ganz an. Auch ich vermisse bei meinen Spielern diesen unbedingten Siegeswillen. Manchmal kommt es mir so vor, als befänden sie sich in einer geschützten Werkstatt, nach dem Motto: „Gewinnen wir, ist es schön. Gewinnen wir nicht, dann versuchen wir es eben nächste Woche wieder.“ Wenn ich meine Spieler nach ihrem Karriereplan frage, bekomme ich als Antwort, dass sie keinen haben. Ich habe damals Schritt für Schritt meine Ziele verfolgt: U21, Kampfmannschaft, Nationalteam, Ausland. Aber ich nehme mich nicht aus der Verantwortung. Es liegt auch an uns Trainern, diese Ziele von unseren Spielern einzufordern.

 

Viele Fußballfan beklagen die schwindenden Anzahl echter Typen im Fußball. Zu Recht?

Ogris: Es ist Tatsache, dass die richtigen Leadertypen verloren gehen. Heute wird fast jede Mannschaft über das Kollektiv definiert. Es gibt kaum noch Typen, die auf dem Platz sagen, wie die Züge verkehren. Zu unserer Zeit war das noch anders. Da gab es eine klare Hackordnung, wer was zu sagen hat. Als Junger musstest du dich immer unterordnen, da ging es auch um Respekt. Auch der ist heute ein Stück weit verloren gegangen, aber dafür müssen wir erst gar nicht auf den Fußballplatz schauen. Wenn ich früher mit der Straßenbahn gefahren bin und eine alte Frau eingestiegen ist, bin ich aufgestanden und hab Platz gemacht. Heute lungern die Jugendlichen lieber auf zwei Sitzen herum und legen ihre Füße noch auf der Bank gegenüber ab.

 

Sportler sind gegenwärtig in der Öffentlichkeit nicht zuletzt aufgrund von Social-Media-Kanälen weitaus präsenter als noch vor etwa zehn, 15 Jahren. Sind Sie froh darüber, dass es Facebook und Twitter zu Ihrer Zeit noch nicht gab?

Polster:(überlegt). Ich stehe dazu. Bis zum Match habe ich gelebt wie ein Mönch, nach dem Match habe ich hin und wieder gefeiert, vielleicht auch über die Stränge geschlagen. Ich kann mir aber nichts vorwerfen. Der Fußball stand immer im Vordergrund.

Ogris: Mein Ruf ist eh hinlänglich bekannt, weil ich als Nachtschwärmer und Biertrinker einen Namen hatte. Auch wenn ich dafür selbst verantwortlich bin, macht es einen müde, immer wieder das Gleiche zu hören. Das ist doch alles ewig her. Wenn ich das gemacht hätte, was die Leute erzählen oder schreiben, hätte ich nie so lange Fußball spielen können und hätte wahrscheinlich auch nicht so eine Karriere gemacht. Ich selbst lese nichts in Internetforen, aber es wird mir von außen zugetragen, was über meine Person geschrieben wird. Demnach soll ich mit meinen Spielern nach einem Sieg ins Schweizerhaus gehen. Und wenn sie gut trainieren, dann stelle ich ihnen angeblich eine Kiste Bier in die Kabine. Das ist doch ein Blödsinn.

Polster: Man wird in Österreich oft und gern in eine Schublade gesteckt. Der Andi und ich, wir stecken beide in einer. Und aus der rauszukommen ist schwer. Es gibt ja heute noch genug Leute, die behaupten, ich wäre kaum gelaufen. Natürlich gab es Spieler, die mehr gelaufen sind als ich. Aber wäre ich so wenig gelaufen wie viele behaupten, hätte ich doch nie so viele Tore schießen können. Da wären ja alle Verteidiger blöd gewesen. So viele blöde gibt es in ganz Österreich nicht.

 

In eineinhalb Monaten beginnt in Brasilien die Fußballweltmeisterschaft. Wer ist Ihr Favorit auf den Titel?

Polster: Ich tippe auf Deutschland. Irgendwann muss es passieren, dass eine Mannschaft aus Europa in Südamerika den Titel holt. Wenn jemand Brasilien schlagen kann, dann sind es die Deutschen.

Ogris: In dieser Frage muss ich dem Toni ausnahmsweise widersprechen. Ich glaube, die speziellen klimatischen Bedingungen und sogar der höhere Rasen bieten allen Südamerikanern einen gewissen Heimvorteil. Sie werden allesamt ein gewichtiges Wort mitreden. Meine Topfavoriten sind Brasilien und Argentinien. Die beiden einzigen Europäer, die richtig mitmischen können, sind Spanien und Deutschland. Frankreich, Italien oder England halte ich nicht für stark genug.

 

Warum gelang es Österreich seit 1998 nicht mehr, sich aus eigener Kraft für ein Großereignis zu qualifizieren?

Polster: Gegen die sogenannten kleinen Nationen musst du zu Hause wie auswärts gewinnen. Das ist uns 1990 und 1998 gelungen, als wir uns für die WM qualifizieren konnten. Bei der nächsten EM 2016 ist halb Europa dabei, dann müssen auch wir unbedingt uns qualifizieren. Da gibt es keine Ausreden mehr.

Ogris: Gegen die Großen wie Schweden oder Deutschland gelingt es uns, an die Grenzen zu gehen. Unser Problem sind in der Tat immer noch die Kleinen. Wir müssen einfach noch viel fokussierter in solche Partien gehen. Wenn du deine Hausaufgaben gegen die Kleinen nicht erledigst, dann geht es sich unter dem Strich eben nie aus.

Steckbrief

Andreas Ogris
am 7. Oktober 1964 in Wien geboren. Für Austria Wien absolvierte er 276 Spiele (99 Tore) und spielte zudem für Admira, Espanyol Barcelona und Lask. Seit 2001 arbeitet Ogris als Trainer, aktuell betreut er die Austria Amateure.

Toni Polster
am 10. März 1964 in Wien geboren. Neben 145 Spiele (119 Tore) im Trikot der Austria ging er für Torino, FC Sevilla, CD Logrones, Rayo Vallecano, 1. FC Köln, Mönchengladbach und Austria Salzburg auf Torjagd. Im ÖFB-Team ist er mit 44 Treffern Rekordtorschütze.Polster trainiert die WIener Viktoria.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2014)