Warhol küsst Klimt, ganz ohne Zunge

Das Obere Belvedere arbeitet an der kunsthistorischen Genießbarkeit von Klimts medial abgelutschtem „Kuss“.

Nicht einmal hingesehen hat die geschätzt 14-Jährige neben mir. Die Bank vor dem Video diente ihr einzig als Raststätte ihrer pubertären Langeweile, die sie kaum auf den Beinen halten ließ. Ein paar Küssende in Schwarz-Weiß, ob Männer mit Männern oder Frauen mit Frauen – ihr doch egal! Klimt oder Warhol, „Kuss“ oder „Kiss“ – da hätten schon die sich real küssenden Museums-Paare des deutschen Konzept-Performers Tino Sehgals mitten in der Belvedere'schen Touristenschar knutschen müssen, um ihre Aufmerksamkeit oder zumindest ihr Peinlichkeitsempfinden zu wecken.

Im Oktogon neben dem Klimt-Raum im Oberen Belvedere, wo man sich vor dem goldenen Hauptwerk „Der Kuss“ drängt, läuft noch bis 6. Juli Andy Warhols Film „Kiss“ von 1963. Jeweils drei Minuten ließ Warhol damals in seiner Factory verschiedene Paare sich frontal vor der Kamera küssen und montierte diese Sequenzen zu einem fast einstündigen Film. Das sollte wohl authentisch wirken, war es aber genauso wenig wie das Video „First Kiss“, das vor Kurzem millionenfach auf YouTube angeklickt wurde – scheinbar Fremde küssen sich hier. Alles fake und commercial, wie sich wenig später herausstellte.

Das hätte Warhol wohl gefallen. Uns gefällt zumindest die Idee, mit dieser kleinen Konfrontation Klimts „Kuss“ vom hypertouristischen Postkartenmotiv wieder in der Kunstgeschichte zu erden. Das Oktogon als Experimentierfläche für Klimt-Annäherungen zu verwenden, in Zukunft vielleicht auch für junge, zeitgenössische, wäre doch eine Idee. Auch wenn der von Fenstern durchbrochene Erker gerade für Videopräsentationen alles andere als ideal ist – besser kann man sich da schon Rodins „Kuss“ von 1886 auf Besuch beim weit prüderen und späteren (1907/08) „Liebespaar“ (so der ebenso wenig treffende Originaltitel) des Wiener Kollegen vorstellen.

Warhols Küssende dagegen kämpfen hier gegen das grelle Licht und das schummrige Kuss-Heiligtum nebenan. Trotzdem kann eine Parallele zu Klimt nicht ausgeblendet werden: Selbst in Warhols Film werden Frauen eher passiv geküsst, als selbst aktiv zu werden. Natürlich nichts gegen den perfiden Genickbruch, mit dem Klimts phallisches Mannsbild die nymphische Schöne in den Abgrund zwingen will. Vielleicht hätte man ja einen Schritt weiter denken sollen und gleich Warhols Film „Blow Job“ von 1964 zeigen sollen, der eine gute halbe Stunde lang nur das immer verklärtere Gesicht eines Schauspielers zeigt.

Ein Skandal damals. Genau wie Warhols heute so harmlos daherkommende „Küssende“ einst kritisch zu lesen waren – sie bezogen sich auf den „Hays Code“, der von 1936 bis 1967 die Länge von Kussszenen in Hollywood-Filmen auf drei Sekunden beschränkte.

E-Mails an:almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2014)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.