Mein Donnerstag

Zettelbotschaften aus Wien

In der Anonymität der Großstadt muss man zuweilen auf Geschriebenes zurückgreifen.

Einer der großen Vorteile vom Leben in der Großstadt ist die Anonymität, dank der man Nachbarn und Menschen auf der Straße nicht zwingend kennt und somit auch nicht immer Nettigkeiten austauschen muss. Es gibt aber Situationen, in denen man das Bedürfnis hat, Dinge auszusprechen, die weniger nett sind.

In einer Stadt wie Wien schreibt man die, wenn der Adressat nicht gerade vor einem steht, eben auf einen Zettel. Im Hausflur findet man sie oft, wenn es wieder einmal zu laut wurde oder unliebsame Gegenstände schon länger im gemeinsamen Hof herumstehen. Aber auch auf der Straße kann man sie entdecken. Die lange Wartezeit bei einer Wiener Ampel in der Leopoldstadt motivierte genervte Fußgängerinnen einst zu so vielen Zetteln, dass diese es sogar in die Medien schafften.

Solche Nachrichten bringen mich meist zum Schmunzeln, gepaart mit einer gewissen Verwunderung, wie groß der Ärger sein muss, um tatsächlich so ein Schreiben aufzusetzen. Bis ich, nun ja, letzte Woche selbst so einen Brief schrieb. Er war nicht besonders lang, und (das muss ich zu meiner Schande gestehen) auch nicht besonders charmant. Aber der Umstand, dass mich ein Lastenrad-Besitzer so ungeschickt bei einem Radständer einparkte, dass ich mein eigenes Fahrrad nur noch um Millimeter bewegen konnte, hatte mich dann doch zu sehr echauffiert, um es unkommentiert zu lassen. Also wurden auf einem Zettel die Parkkünste des Betreffenden in gutwienerischer Manier – also mit zumindest einem halbstarken Kraftausdruck – hinterfragt.

Weil dies dann aber auch nichts half, versuchte ich mein Rad doch noch aus dieser wortwörtlichen Zwickmühle zu befreien. Mit viel Mühen und Hebemanövern (so ein Lastenrad ist ganz schön schwer!) gelang es schließlich. Sobald ich losradelte, kam dann ziemlich rasch die Erkenntnis: Und zwar, dass mein Ärger eigentlich nicht dem Lastenradler, sondern anderen gelten sollte. Nämlich jenen, die dafür verantwortlich sind, dass sich Radfahrer auf ein paar wenigen Quadratmetern zusammendrängen müssen und es für Lastenräder sowieso kaum geeignete Abstellmöglichkeiten in der Stadt gibt.

Aber zu dem Zeitpunkt war ich schon viel zu weit weg, um den Zettel wieder zurückzuholen. Deswegen hinterlasse ich nun hier eine Botschaft: Lieber oder liebe Unbekannte, es war nicht so gemeint.

E-Mails an: teresa.wirth@diepresse.com

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