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Ein Berater wird Bildungsrevolutionär

Walter Emberger
(c) Clemens Fabry / Die Presse
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Walter Emberger hat Teach for Austria gegründet. Eine Initiative, die exzellente Uni-Absolventen aller Studienrichtungen für zwei Jahre in Brennpunktschulen schickt.

Wien. Wären da nicht die vertrockneten Topfpflanzen in den leer stehenden Büros nebenan, die einen Hauch von Improvisation verströmen, und die jungen Leute, die vereinzelt an Computern sitzen, man würde kaum glauben, dass man dem Chef einer jungen Bildungsinitiative gegenübersitzt: Walter Emberger, 55, trägt Hemd und grauen Anzug und sieht auch sonst eher nach Berater aus – kein Zufall, übrigens. Seit gut drei Jahren allerdings widmet er sich anderen Dingen: Er schickt Uni-Absolventen für zwei Jahre als Lehrer in schwierige Schulen – ganz ohne Lehramt. Etwas, was Walter Emberger nach dem Studium eigentlich selbst gern gemacht hätte.

„Das wäre genau mein Ding gewesen“, sagt er. „Hätte es Teach for Austria damals gegeben, ich hätte mich beworben.“ Zugegeben: Es wäre seltsam, würde er das als Gründer nicht sagen. Doch es passt. Irgendwie war Emberger stets auf der Suche nach Herausforderung. „Wenn heute jemand die größte Herausforderung will, müsste man sagen: werde Hauptschullehrer.“

Er selbst steigt nach dem Doktorat an der Wirtschafts-Uni nicht in den Bereich ein, der am meisten Geld verspricht, sondern wird Sojatrader. Das Geschäft geht den Bach hinunter, Emberger wechselt in den Bankensektor. Dann geht er – wieder der Reiz der Herausforderung – für ein Jahr nach Fontainebleau, wird Berater. Über ein Beratungsprojekt landet er schließlich bei der Bildung. Emberger unterstützt die Fachhochschule Salzburg bei der Umstellung auf Bachelor und Master – und bleibt hängen, wird Studiengangsleiter.

„Jungen Leuten sozusagen als Gärtner bei ihrer Entwicklung zu helfen – das hat mich fasziniert.“ Gleichzeitig sieht er, wie die Schere zwischen denen mit guten und mit schlechteren Startbedingungen von Jahr zu Jahr weiter aufgeht.

„Ich sah, was Bildung bringt“

Bildungschancen – oder eben weniger davon: Es ist nicht die erste Begegnung Embergers mit dem Thema. Der gebürtige Salzburger ist selbst Bildungsaufsteiger. Beide Eltern sind gelernte Schneider, die Mutter arbeitet nach der Geburt der Kinder als Putzfrau, in seiner Familie macht Emberger als Einziger Matura. Dass er an die Uni geht, muss er gegenüber den Eltern bisweilen verteidigen. „Ich habe gesehen, was mir Bildung gebracht hat“, sagt er. „Und wie viel mit Bildung zu machen ist.“ So sucht er nach einer Möglichkeit, in der Bildungskarriere früher anzusetzen. „Viele Bekannte haben gesagt: Wenn du eine Schule gründest, schicke ich meine Kinder“, erzählt er. „Aber das waren Leute, die Defizite selbst ausgleichen können. Ich wollte gerade die anderen erreichen.“

Irgendwann stößt er auf Teach for All, eine Initiative, die aus den USA kommt. Das Konzept ist simpel, und auf den ersten Blick dennoch unlogisch: Exzellente Uni-Absolventen aller Fächer werden für zwei Jahre als Lehrer in Brennpunktschulen geschickt, in Schulen mit vielen Migrantenkindern, Schülern aus bildungsfernen oder ärmeren Familien.

Die Quantenphysikerin, der Ökonom, die Soziologin: Sie sollten zunächst die Kinder unterstützen – und dann ihre Erfahrungen in die Gesellschaft hineintragen. Emberger findet heraus, ob das in Österreich möglich ist (bei Lehrermangel: ja) und erwünscht (hier hört er seltener ein Nein, als er erwartet hat). Die Dachorganisation, die über die Umsetzung der Idee wacht, überzeugt er mit den PISA-Ergebnissen davon, dass die Initiative auch in einem der reichsten Länder der Welt nötig ist.

 

Kleine oder große Revolution

Inzwischen hat er 55 Fellows, so werden die Lehrer auf Zeit genannt, in Wiener und Salzburger Schulen geschickt. Manche von ihnen bleiben der Schule nach den zwei Jahren treu, sie arbeiten weiter als Lehrer, wollen in dem Bereich bleiben oder gründen selbst Bildungsinitiativen. Die anderen sollten hinausgehen, irgendwann sollen sie überall sein: in Schulen, im Bildungsministerium, in Parteien, Organisationen, Firmen. Um von dort aus eine kleine – oder größere – Revolution für die Bildung anzuzetteln.

AUF EINEN BLICK

Teach for Austria heißt das Projekt, bei dem exzellente Hochschulabsolventen aus allen Fachrichtungen für zwei Jahre in Brennpunktschulen – Schulen mit vielen Migrantenkindern, Schüler aus bildungsfernen oder ärmeren Familien – geschickt werden. Sie müssen kein Lehramtsstudium absolviert haben, erhalten aber eine zweimonatige pädagogische Ausbildung. 55 Fellows, wie die Junglehrer genannt werden, haben in Österreich bereits an dem Projekt teilgenommen. Sie werden in einem mehrstufigen Verfahren ausgewählt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2014)