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Das „Kapital“ in Zeiten ökonomischer Flaute

Karl Marx - GERMANY MUSEUM
(c) EPA
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Thomas Pikettys Abhandlung „Le capital au XXIe siècle“ beschäftigt sich mit der Ungleichheit bei der Verteilung des Wohlstands. Erben und Investoren sind viel besser bedient als Menschen, die arbeiten.

Die Reichen werden immer reicher. Diese Weisheit erhält etwas mehr Niveau als das von gewöhnlicher empörter Unzufriedenheit unter Wutbürgern, wenn ein angesehener Ökonom aus Paris mit internationaler Unterstützung seriöser Kollegen 15 Jahre lang Unmengen an statistischem Material ausgewertet hat, Wirtschaftsdaten und Steuerlisten aus Nordamerika, Westeuropa, Japan und Australien, um solch eine These voller Elan zu stützen.

Thomas Piketty (geboren am 7. Mai 1971 in Clichy), Professor an der Paris School of Economics und der École des Hautes Études en Sciences Sociales, beschäftigt sich intensiv mit dem zweiten Begriff der Französischen Revolution: mit Égalité. Über Umverteilung schrieb er bereits mit 22 seine Dissertation an der ENS und der London School of Economics, ehe er ans Massachusetts Institute of Technology ging. Seine Arbeiten über Einkommen und Vermögen sind anerkannt, sein neues Buch aber ist eine sensationelle, wenn auch bedächtig formulierte Kampfschrift gegen die soziale Ungleichheit. Sympathien für Frankreichs Sozialisten verhehlt er nicht. Vor allem die Idee einer progressiven Vermögensteuer hat es ihm angetan.

 

Gesprächsthema selbst beim Papst

In „Le capital au XXIe siècle“ (2013) beschäftigt sich Piketty mit der Ökonomie von 20 Staaten in den letzten drei Jahrhunderten, er hat Unmengen Material zusammengetragen und verwertet. Seine einfache Formel daraus: r > g. Die Rendite (return of capital) ist größer als das Wirtschaftswachstum (growth), immer weiter klafft deshalb die Schere des Einkommens zwischen den Reichen und dem Rest der Welt auseinander.

Die in diesem Frühjahr erschienene englische Übersetzung (auf knapp 700 Seiten reduziert, Datensätze gibt es zusätzlich online) wurde vor allem in den USA euphorisch bejubelt. Nobelpreisträger für Wirtschaft sprachen von einem großen Wurf, Pikettys Tour durch die USA wurde zum Triumph. Sein Buch ist dort, wo die Ungleichheit am stärksten zugenommen hat, die Nummer eins der Amazon-Besteller. Es war unlängst sogar Gesprächsthema zwischen US-Präsident Barack Obama und Papst Franziskus. Selbst das dem Kapitalismus nicht abgeneigte britische Wochenblatt „The Economist“ und die in praktischen Dingen ähnlich liberal orientierte „Financial Times“ sprechen dem Werk in Rezensionen herausragende Bedeutung zu.

Ein Buch, das „Kapital“ im Titel führt, stellt hohe Ansprüche. Was verbindet Piketty mit dem deutschen Philosophen Karl Marx? Der erste Band von „Das Kapital“ erschien 1867. Marx und Engels schrieben dem Kapitalismus mit seiner Tendenz, das Vermögen in den Händen weniger zu konzentrieren, eine zerstörerische Wirkung zu, die nach einem Kollaps des Systems schließlich im Klassenkampf zur Erhebung der Unterdrückten führen werde. Konträr dazu hat der weißrussisch-amerikanische Ökonom Simon Kuznet vor 60 Jahren behauptet, dass vom Wachstum alle profitieren. Für Aufbauphasen stimmt das. Bis in die Achtzigerjahre gedieh die Mittelschicht in Nordamerika und Westeuropa prächtig. Es war, wie US-Präsident John F. Kennedy 1963 behauptete: „Bei Flut steigen alle Boote.“ Solch eine Entwicklung ist aber die Ausnahme, sie gilt meist nur für die Phase nach großen Kriegen, die gewaltig viel Vermögen vernichtet haben.

 

5400 Mrd. Dollar für 1400 Milliardäre

Piketty positioniert sich zwischen den beiden Extremen von Marx und Kuznet, eher etwas links von der Mitte. Auch unsere Zeit bevorzuge so wie das 19.Jahrhundert die Erben, nicht jene, die Wohlstand schaffen. In 300 Jahren gab es im Schnitt rund 1,5 Prozent Wirtschaftswachstum pro Jahr. Das Vermögen aber stieg, ebenfalls inflationsbereinigt, jeweils um 4,5 Prozent. Ungleichheit wird durch solch ein System faktisch erblich. Ungehemmter Kapitalismus belohnt Arbeitende weit weniger als bloße Spekulanten. Das gilt vor allem auch für die USA, die einst einen starken Mittelstand hatten. Während dort der Bruttolohn durchschnittlicher Arbeiter seit einer Generation sinkt, hat sich das Einkommen der Bestverdiener verdreifacht. Dieses Phänomen gilt weltweit. Laut US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ hat sich die Zahl der Dollar-Milliardäre zwischen 1987 und 2013 verzehnfacht, von 140 auf 1400. Ihr gesamter Reichtum stieg von 300 auf 5400 Milliarden Dollar. Die Steigerung des Vermögens der 150 Reichsten betrug im Schnitt 6,4 Prozent pro Jahr. Die Weltwirtschaft steigerte den Reichtum seit 1987 jedoch nur um 2,1 Prozent. Leute mit Durchschnittseinkommen profitierten davon nur mit 1,4 Prozent.

 

Gefährlich für die Demokratie

Diese Entwicklung ist für Piketty eine logische Folge der Formel r > g und soll universal gelten. In fast allen Phasen der Geschichte seien die Gewinne aus Vermögen sogar um das Zehn- bis Zwanzigfache höher gewesen als die Lohnerhöhungen. Das sei ungerecht und gefährlich für die Demokratie. Zudem lasse eine zu starke Vermögenskonzentration die Wirtschaft stagnieren.

Was aber empfiehlt er dem Markt, der sich bisher nicht selbst heilt, als Kur? Was tun? Piketty hält eine stärkere Steuerprogression für nötig. Er verweist darauf, dass selbst in den USA nach dem Krieg der Spitzensteuersatz für höchste Einkommen bis zu 90 Prozent betrug. Er fordert auch höhere Steuern auf Kapital und Vermögen. Dazu sei allerdings eine globale Lösung erforderlich.

In Summe ist dieses Buch für keinen Ideologen bequem. Neoliberale mögen keine Reichensteuer, auf Öko-Fundamentalisten wirkt Wachstum suspekt, für die Linke ist es wohl zu kritisch gegenüber dem Marxismus. Wer von all diesen Weltverbesserern will sich schon freiwillig etwas wegnehmen lassen?

„Capital in the 21st Century“ von Thomas Piketty ist 2014 in der Übersetzung von Arthur Goldhammer bei Belknap Press erschienen (Harvard University Press).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2014)