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De Waal: „Ich lebe nicht in einer Wiener-Ringstraßen-Blase“

AUSSTELLUNG 'EDMUND DE WAAL - LICHTZWANG': EDMUND DE WAAL
(c) APA/HERBERT PFARRHOFER
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Edmund de Waal, Autor des „Hasen mit den Bernsteinaugen“, ist eigentlich Keramikkünstler. Und stellt jetzt erstmals in Österreich aus.

Zwei schlanke Vitrinen voll mit über 200 fragilen, unterschiedlich weißen, unterschiedlich geformten Porzellanbechern hängen seit gestern im lichten Raum des Theseustempels im Wiener Volksgarten (bis 5.Oktober). Die Installation „Lichtzwang“, benannt nach einem Gedicht von Paul Celan, stammt von Edmund de Waal, der mit dem Buch „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ 2011 einen Bestseller landete. Er erzählte hier die Geschichte seiner jüdischen Vorfahren, der vertriebenen Wiener Familie Ephrussi, rund um eine Sammlung von Netsuke, die teils in einer Vitrine gelagert fast wundersam alle Wirren überlebte. Der Engländer erbte sie. Und begann zu forschen und zu schreiben. Obwohl er, wie er sagt, mit seinem bisherigen Leben als Keramikkünstler „perfekt zufrieden“ war.

Die Presse: Sie waren schon lange, bevor die Netsuke in der Vitrine in Ihr Leben traten, Keramikkünstler. Und haben sich als solcher schon lange mit Vitrinen beschäftigt.

Edmund de Waal: Ich war schon immer besessen von dem, was passiert, wenn man ein Objekt schafft und es dann abstellt, vom Leben der Objekte. In diesem Zusammenhang haben Vitrinen als Strukturen, in denen Objekte sicher verwahrt werden können, eine starke emotionale und konzeptionelle Kraft für mich. Ich war also dabei, meine Ideen zu verfolgen, wie man schöne, interessante, schwierige Gruppierungen von Porzellan schaffen kann, wie man sie zusammenhält, wie man sie analysieren, wie man Rhythmen und Narrative in ihnen finden kann. Und dann schrieb ich mein Buch. Und entdeckte dieses völlig andere Leben der Vitrinen. Was sie mit Familie, Exil und noch komplizierteren Dingen zu tun haben. Sie wurden dadurch nur noch bedeutender für mich.

Die Vitrinen in Ihrem künstlerischen Werk und in Ihrem biografisch-literarischen waren also nicht von Beginn an miteinander verwoben?

Nein. Das ist ziemlich cool, nicht?

Und wie!

Aber natürlich wäre ich nicht an den Netsuke interessiert gewesen, wenn mich nicht vorher schon Objekte an sich interessiert hätten. Als die Geschichte rund um die Netsuke dann immer stärker in den Fokus trat, war klar, das ist auch meine Geschichte.

Stört es Sie manchmal, dass Sie als Künstler erst durch Ihr Buch bekannt wurden? Sie sind heute beim weltweit aggressivsten Galeristen unter Vertrag, Gagosian, stellen im KHM aus etc. Ihr Werk wird dabei immer durch die Brille der Lektüre des „Hasen“ wahrgenommen.

Natürlich ist nicht immer alles perfekte Harmonie. Aber eigentlich – nein, es stört mich nicht. Man kann die Wahrnehmung anderer Menschen nicht „besitzen“. Ob es nun ein gutes oder schlechtes Ding war, einen Bestseller geschrieben zu haben – ich kann es nicht mehr ändern. Ich mache Projekte rund um die Welt, das alles ist großartig. Ich denke bei den Dingen, die ich tue, nicht immer ans jüdische Wien von 1926. Ich lebe nicht in einer Wiener-Ringstraßen-Blase.

Sonst hätten Sie wohl goldene, nicht silberne Farbsprengsel gewählt auf Ihren Keramikgefäßen im Theseustempel. Sie haben vorher über Schönheit gesprochen – ist das für einen Keramikkünstler, der sich auch im asiatischen Kontext sieht, ein anderes Problem als für westliche Künstler, wo ein gewisser Grad an Verstörung oder Kritik wichtig ist?

Es gibt unterschiedliche Levels an Verstörung. Aber für mich ist Schönheit ein unglaublich schwierig zu erreichender Zustand. Das Thema der Schönheit ist ja komplett Gegenkultur, es spielt in der Kunstpresse keine Rolle. Das interessiert mich aber nicht. Mich interessiert nur, Kunst zu machen, die in Berührung ist mit Musik, Poesie, dem Ort, die eine Resonanz hervorruft, kein One-Liner ist, kein zeitgenössischer Kunstwitz. Das sind für mich genug Dinge, um die man sich kümmern muss. Aus dieser Ausstellung fragiler Objekte, in einer Vitrine, in einem neoklassizistischen Tempel, in der Mitte Wiens, was wieder sehr viel zu tun hat mit Paul Celan, kann man etwa ein Gedicht machen, das schön ist. Unglaublich traurig. Fragmentarisch und allumfassend zugleich.

Künstler lieben Paul Celan, wenn man an Anselm Kiefer denkt zum Beispiel. Ihr von ihm entliehener Titel „Lichtzwang“ ist allerdings weniger ein schönes, als ein sehr brutales Wort.

Ja, gewalttätig, schmerzhaft. Aber alle diese Aspekte an einem Ort zusammenzubringen, das ist es doch, was Installationskunst wirklich können soll.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2014)