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China zensiert US-Serien im Web

The Big Bang Theory (VI, VII)
(c) ORF
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Online-Videoportale dürfen Serien wie die US-Sitcom „The Big Bang Theory“ nicht mehr zeigen. Die Gründe sind aber nicht politische – sondern die hohen Klickzahlen.

Peking. Das Ende kam plötzlich. Noch am Freitag konnte der gemeine chinesische Serien-Junkie auf dem Videoportal Sohu aus sämtlichen sieben Staffeln der bekannten US-Sitcom „The Big Bang Theory“ wählen und sie sich kostenlos in voller Länge auf seinem Rechner ansehen. Doch damit ist seit Tagen Schluss: Der Datenstream ist nicht mehr abrufbar. Stattdessen erscheint die kurze Mitteilung: „Es tut uns leid. Aber aus rechtlichen Gründen ist es für uns nicht mehr möglich, dieses Service anzubieten.“

Zensur ist in China normal. Doch führen die Behörden vor allem politische Gründe an, wenn sie eine Serie oder einen Film absetzen. Was „The Big Bang Theory“ politisch brisant macht, ist nicht ersichtlich: Die Serie über Physiker, Techniker und Nerds wirkt oft zwar altklug, ist politisch aber unverdächtig. Dennoch haben die Zulassungsbehörden dem Betreiber Youku verboten, die auch in Österreich beliebte Sitcom auszustrahlen. Wie auch weitere Serien: „The Good Wife“, „Navy CIS“ und die Anwaltsserie „The Practice“. Auch sie sind nicht dafür bekannt, sonderlich politisch, anarchistisch oder gewaltverherrlichend zu sein oder zu Straftaten anzustiften.

 

Sisyphus-Kampf gegen Kopierer

Die Verbote überraschen auch, weil etwa „Breaking Bad“ über den zu einem rücksichtslosen Kriminellen mutierten Chemielehrer Walter White weiter unzensiert abrufbar ist. Und „Homeland“, in dem es um skrupellose Machenschaften amerikanischer Geheimdienste geht, bleibt ebenfalls unberührt. Ein Sprecher von Youku zeigt sich irritiert: „Mir ist nicht ersichtlich, nach welchen Kriterien die Behörden entschieden.“ Die äußerten sich bisher auch dazu nicht.

Über die wahren Gründe kann nur spekuliert werden. Lang hatte Hollywood in China Kämpfe ums Urheberrecht ausgefochten. Die neuesten Folgen waren noch nicht im US-TV, da kursierten Kopien schon auf chinesischen Märkten oder als Stream im Web. Weder Klagen bei der Welthandelsorganisation noch Versprechen Pekings, der Piraterie Einhalt zu gebieten, halfen. Die US-Studios machten vor ein paar Jahren in China aus der Not eine Tugend: Sie verkauften Internet-portalen wie Youku und Tencent die Lizenzen. Wer nun diese Seiten aufmacht, findet neueste US-Serien und Filme prominent platziert als Stream in HD-Qualität. Nur im Vorspann muss man Werbeclips erdulden. Die Kalkulation der Studios: Lieber über kleine Werbeeinlagen ein wenig an den chinesischen Zuschauern verdienen als über illegale Downloads gar nichts.

 

Staatsmedien neidisch

Doch offenbar sind die Onlineportale Peking ein Dorn im Auge. „The Big Bang Theory“ hat seit 2009 mehr als 1,1 Milliarden Aufrufe. Chinas Staatssender CCTV hat zwar die höchste Reichweite der Welt, aber mit seinem altbackenen, linientreuen Programm nur selten hohe Quoten. China wurde zum Land mit den meisten Onlinezusehern. Dem will der Staat wohl entgegentreten: Nicht mehr politisch unkorrekte Inhalte sind Kriterium, eine Sendung zu verbieten, sondern ihr Erfolg.

Zuletzt erfuhren unabhängige Medien zudem, dass CCTV selbst eine eigene Synchronfassung der „Big Bang Theory“ senden will. Mit neuen Verboten ist zu rechnen.

AUF EINEN BLICK

Mehrere US-Serien, die auch in China beliebt sind und per Webstream gesehen werden können, wurden nun von Chinas Behörden zensiert, private Webportale dürfen sie nicht mehr anbieten. Dabei sind die betroffenen Serien wie „The Big Bang Theory“ politisch eher unverdächtig. Die Behörden haben ihre Motive nicht erklärt, es besteht aber der Verdacht, dass Chinas Staatsmedien auf den Erfolg fremder Sendungen in China einfach neidisch sind – und sie so aus der Onlinewelt schaffen wollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2014)