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Sie wollen reich werden? Dann müssen Sie erben – oder heiraten

Arbeit wird steuerlich bestraft, Besitz hingegen wird belohnt. Wir sind auf dem Weg zurück in die Feudalgesellschaft. Wollen wir das? Zum Tag der Arbeit.

Früher, in feudalen Zeiten, war es so: Wer reich war, blieb reich. Wer arm war, blieb arm. Eine schmale Schicht an Privilegierten verfügte über Besitz – Grund, Häuser, Vermögen – sowie über Macht, Bildung und sonstige Ressourcen, um diesen Besitz gegen Konkurrenten zu verteidigen und an die Nachkommen weiterzugeben. Verlustig gingen Reiche ihres Besitzes durch Kriege, Revolutionen, Katastrophen. Friedliche Konkurrenz aus anderen Gesellschaftsschichten, die ihnen ihre Vormachtstellung streitig machen könnten, hatten sie hingegen kaum zu fürchten. Aufsteiger gab es nicht.

Der Rest der Bevölkerung besaß kaum etwas. Und arbeitete, kümmerte sich um Vieh und Felder, übte ein Handwerk aus, zog als Händler durch die Lande, verdingte sich als Magd oder Tagelöhner. Vom Ertrag musste man Geld oder Naturalien an die Obrigkeit abliefern. Viel blieb nie übrig. Und so gelang es auch kaum jemandem, durch eigener Hände Arbeit reich zu werden.

Wer in die besitzende Schicht hineingeboren wurde, konnte damit rechnen, lebenslang ausgesorgt zu haben – egal, ob man sich anstrengte; egal, ob man arbeitete oder wie intelligent man war. Denn man erbte ja. Wurde man nicht in die besitzende Schicht hineingeboren, gab es bloß einen realistischen Weg, dorthin zu gelangen: reich zu heiraten. Manchen Frauen aus niedrigem Stand gelang das.

Heute sind wir stolz darauf, dass wir den Feudalismus überwunden haben. Dass das Individuum zählt und nicht die Herkunft; dass die Leistung zählt, nicht die Gnade der Geburt. Arbeit sorgt nicht nur für unseren Lebensunterhalt, sie stiftet Identität. Sie ist das Feld, auf dem wir unsere Fähigkeiten beweisen. Sie trägt das wichtigste Versprechen der marktwirtschaftlichen Moderne in sich: Es kommt auf dich an. Wenn du willst, kannst du es im Leben zu etwas bringen. Du must halt mehr und besser arbeiten als andere.

Es mehren sich allerdings die Indizien dafür, dass genau diese Ära gerade zu Ende geht. Die Vermögensverteilung der letzten Jahre zeigt: Heute kann man kaum mehr durch Arbeit reich werden, sondern nur noch durch Immobilien- und Kapitalerträge. Der Unternehmer Alois Gölles erzählte im „Presse“-Interview am Montag aus eigener Erfahrung davon: Wie der Staat ihm vom Ertrag seiner Arbeit stets die Hälfte abzwackt, ebenso von allem, was er seinen Angestellten zahlt – während sich hingegen eine zufällige Börseninvestition ohne sein Zutun vervielfachte. „Fürs Nichtstun krieg ich steuerfrei Geld, fürs Arbeiten nicht“, sagt Gölles, „welcher Wahnsinn!“

International macht derzeit ein Buch Furore, das diesen Wahnsinn wissenschaftlich belegt. Der Ökonom Thomas Picketty führt in dem Bestseller „Capital in the 21st Century“ auf 680 Seiten aus, wie wir, was die Verteilungsgerechtigkeit betrifft, quasi ins vorindustrielle Zeitalter zurückkehren. Wo bereits Reichtum ist, vermehrt er sich, unterstützt von einem Steuersystem, das Einkünfte aus Arbeit systematisch bestraft und Einkünfte aus Besitz systematisch begünstigt.

Sodann wird Reichtum (in Österreich sogar steuerfrei) an die nächste Generation vererbt – wo er sich, begünstigt durch sinkende Kinderzahlen, in immer weniger Händen konzentriert. Man kann beobachten, dass sich die Jüngeren aus den wohlhabenden Häusern längst darauf eingestellt haben. Viele stecken in prekären Verhältnissen fest, werken in ihrem Beruf jahrzehntelang antriebslos vor sich hin – im Wissen darum, dass sie ohnehin erben.

Dass man sich eine Eigentumswohnung auch aus eigener Kraft erarbeiten könnte, wie das einst ihre Eltern oder Großeltern taten, das ist für diese Erbengeneration längst eine Illusion. Für alle anderen – die Nichterben – bleibt hingegen nur, sich auf die Regeln der Feudalzeit zurückzubesinnen.

Sie wollen den sozialen Aufstieg schaffen? Dann suchen Sie sich einen reichen Mann oder eine reiche Frau zum Heiraten! Herzlichen Glückwunsch, wenn Ihnen das gelingt!

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Sibylle Hamann
ist Journalistin

in Wien.
Ihre Website:

www.sibyllehamann.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2014)