Der Preis der Unabhängigkeit von Russlands Gas

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Während die OMV mit Russland eine neue Gaspipeline dealt, will die EU von russischem Gas unabhängiger werden. Die Hoffnung liegt vor allem auf Flüssiggas. Klingt gut. Wird aber teuer.

Wien. EU-Vertreter in Brüssel wollten im Gespräch mit der „Presse“ ihre Enttäuschung nicht verhehlen. Da wurde zuletzt von allen Seiten vehement dafür plädiert, die Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren. Und mittendrin schert die österreichische OMV aus, indem sie diese Woche mit Gazprom eine Absichtserklärung unterschrieb, die von Moskau forcierte Pipeline South Stream doch bis Österreich zu legen.

Dennoch: Die EU arbeitet derzeit über einer Strategie, mehr Unabhängigkeit zu erreichen und andere Quellen zu erschließen. Wie schnell man vorankommt, ist noch schwer zu beurteilen. Schon seit dem ersten Gaskonflikt Russlands mit der Ukraine 2006 zielt Europa, das im Vorjahr 533 Mrd. Kubikmeter Gas verbraucht hat, darauf ab. Der Marktanteil von Gazprom in Europa ist dennoch nur zwischenzeitlich gesunken, und zwar auf 23 Prozent 2010, als der große Exporteur von Flüssiggas (LNG) Katar kurzfristig mehr nach Europa lieferte. 2013 jedoch schnellte Gazproms Marktanteil sogar auf das Allzeithoch von 29,9 Prozent, weil Katar sein LNG-Gas vermehrt zum stark nachfragenden Asien hin lenkte. Laut Gas LNG Europe, der Brüsseler Organisation für den LNG-Markt, ist Europas LNG-Import von 86,3 Mrd. Kubikmeter im Jahr 2010 bis zum Vorjahr auf fast die Hälfte gesunken.

Norwegen ist keine Alternative

Zum Vergleich: Gazprom, das kein auf minus 162 Grad gekühltes und damit verflüssigtes LNG in Tankern, sondern einfaches Erdgas über Pipelines liefert, hat im Vorjahr 174,3 Mrd. Kubikmeter nach Europa (sprich inklusive Türkei, Balkan und Schweiz) gepumpt.

Da kann auch Norwegen, neben Russland wichtigster Lieferant, nicht mithalten. Norwegen kann die Förderung nur noch mühsam steigern – bis 2020 von derzeit 110 Mrd. auf 130 Mrd. Kubikmeter.

Auf Gazprom zu verzichten, ist also nicht möglich. Sieht man von den maximal 14 Prozent ab, um die Europa den Import aus Russland durch eigene Förderung verringern könnte, wie die Agentur Fitch vorrechnet, bleibt als Hoffnungsträger abermals LNG.

Der Vorteil: Die Zahl der Lieferanten kann ausgeweitet werden. Sofern genug Terminals zum Entladen da sind. Derzeit herrscht dabei kein Mangel – 22 mit einer Kapazität von 196 Mrd. Kubikmetern sind in Betrieb. Sieben werden gebaut. 30 weitere sind geplant. Allerdings: Der Bau der Infrastruktur ist sündteuer. Auch verlagert sich der LNG-Markt stark nach Asien. Zudem übertrifft die Nachfrage nach LNG, von dem es derzeit weltweit 330 Mrd. Kubikmeter gibt, das Angebot, was schon bisher den Preis getrieben hat. Wenn nun auch Europa mehr nachfragt, werde der LNG-Preis um zehn bis 25 Prozent steigen, so Bernstein Research: LNG würde doppelt so viel kosten wie das jetzige „Pipeline“-Gas aus Russland.

Russisches Gas bleibt essenziell

Ein kurzfristiger Importstopp freilich wäre kein Problem, da die Speicher gut gefüllt seien, meint Michail Kortschemkin, Chef von East European Gas Analysis. Auch ein gänzlicher Verzicht auf russisches Gas ist seines Erachtens denkbar. Allerdings müsste Europa dann Ersatz bei anderen gasreichen Nationen suchen – etwa dem Iran, der aus politischen Gründen noch problematischer ist.

Bernstein Research beziffert die Ausgaben, die Europa für einen totalen Verzicht auf russisches Gas in den kommenden vier Jahren stemmen müsste, mit 215 Mrd. Dollar. Dazu gehören neben dem Bau von LNG-Terminals der Bau neuer Atomkraftwerke, mehr Kohleförderung und mehr Erneuerbare Energie.

So bleibt russisches Gas realistischerweise eine zentrale Größe in Europa, zumal Kaufverträge bis 2020 und teils bis 2035 existieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2014)

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Kommentare

Österreich - der Freund und Helfer Russlands

Der South-Stream-Deal ist inhaltlich zwar richtig, vom Timing aber falsch.

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