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Argento: "Technologie ist zugleich Poesie"

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Der Italo-Regisseur Dario Argento besuchte Wien: Mit der "Presse" sprach der Maestro des Grauens über den Geist des Bösen, seine Beziehung zu Religion und Oper sowie seine enttäuschende Rückkehr ins Freud-Museum.

Herr Argento, Sie sind einer der einflussreichsten Regisseure des fantastischen Kinos. Mit „Profondo rosso“ und „Suspiria“ haben Sie den Horrorfilm neu definiert, indem Sie Schrecken und Schönheit auf noch nie gesehene, surreale Weise kombinierten. Sie sagen oft, Ihre Filme kommen direkt aus Ihrem Unbewussten. Ist Filmemachen für Sie eine Art Exorzismus?

Dario Argento: Ich würde nicht exorzieren dazu sagen, aber es geht mir schon darum, direkt meine Ängste, Träume und Obsessionen zu erzählen. Ganz im Sinne von „Die Schöne und das Biest“ ist da die Mischung wichtig: Selbst die grausamste Szene muss Eleganz und Schönheit haben, fast wie eine Patina – sie soll schockieren, aber auch so etwas wie ein Gefühl des Friedens erzeugen.

 

Wie am Ende von „Vier Fliegen auf grauem Samt“? Da haben Sie eine Kamera verwendet, die eigentlich für wissenschaftliche Zwecke erfunden wurde und 1000 Bilder pro Sekunde aufnimmt. Mit dieser Superzeitlupe verwandeln Sie einen tödlichen Unfall in ein visuelles Gedicht.

Ich habe öfter Spezialkameras verwendet, solche technischen Möglichkeiten sind eine regelrechte Obsession von mir! Wo es geht, nutze ich technologische Fortschritte für mein Kino. Damit will ich auch zeigen: Technologie ist zugleich Poesie, ist eine Kunst.

 

In Ihrem neuen Film „Dracula 3D“ verwenden Sie erstmals das 3-D-Verfahren.

Vor einigen Jahren war ich in den USA auf einem Festival für 3-D-Klassiker der 1950er und sah Alfred Hitchcocks „Dial ,M‘ for Murder“. Ich wusste nicht, dass das eigentlich ein 3-D-Film war – und entdeckte erstaunt, wie man das Verfahren nutzen kann: Hitchcock verwendet es als ein Fenster zur Welt, durch das man einsteigt, um mitzuerleben, was dahinter ist. Heute gewöhnt man uns gerade in Animationsfilmen daran, dass in 3-D die Dinge zu uns herauskommen. Aber die wahre Wirkung liegt im Hineingehen...

Schon die Eröffnung des Films zieht einen hinein: Die Kamera fliegt entfesselt durch ein Dorf. Solche Kamera-Ideen sind typisch für Sie. Wollen Sie die Zuseher einladen, den Blick des Bösen zu teilen?

Ich versuche eher, die Idee des Bösen in ihre Köpfe einzupflanzen. Mit Draculas Geist über die Welt fliegen... Prinzipiell zeige ich, wie das Böse über den Dingen schwebt und etwas sucht, woran es sich festhalten kann.

Darcula verwandelt sich bei Ihnen einmal in eine mannsgroße Gottesanbeterin!

Die Analogie ist doch so stark und offensichtlich: Die Gottesanbeterin lässt sich begatten und tötet dann ihren Partner. Auch Dracula erregt und tötet seine Opfer – oder macht sie zumindest zu Sklavinnen.

Religion ist in Ihren Kämpfen von Gut und Böse wichtig. Sind Sie selbst religiös?

Ja. Ich ging in eine religiöse Schule, in der Jugend engagierte ich mich dann im Umfeld extrem linker Parteien und kam von der Religion ab. Seit ein, zwei Dekaden interessiere ich mich wieder stark für das Transzendente, das hat mich zurück zur Religion geführt.

Vor der Regiekarriere schrieben Sie Filmkritiken und Drehbücher. Eine Schule?

Grundlegend! Als Kritiker habe ich jahrelang Filme geradezu wissenschaftlich studiert, und mich damit auch sehr wohlgefühlt, als ich zu inszenieren begann. Viele Regisseure kommen von der Filmkritik...

Sie schrieben an Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ mit. Wie Leone sind Sie ein extrem visueller Regisseur: Die starke Bildsprache ist wichtiger als Dialoge.

Leone und ich gingen verschiedene Wege, aber beide haben wir die Kamera privilegiert: Erzählt wird für das Auge, das ist mir von der Zusammenarbeit geblieben. Unsere Verbindung ist die Liebe zum Kino an sich.

 

Musik prägt Ihre Filme, zuletzt haben Sie eine Oper inszeniert: Verdis „Macbeth“.

Meine Mutter hat mich oft in die Oper mitgenommen als ich noch ein scheues Kind war, „Macbeth“ habe ich früh geliebt, auch wegen seiner Melodramatik. Ich mag viele Arten von Musik, aber dieses Melodrama spricht besonders zu mir. Das Inszenieren war wunderbar, weil ich viele meiner filmischen Spezialeffekte einbringen konnte: Blut, Nacktheit... das kommt ganz natürlich aus mir.

 

Psychoanalyse ist auch sehr wichtig für Sie. Gehen Sie wieder ins Freud-Museum wie bei Ihren bisherigen Wien-Besuchen?

Ich war gleich wieder dort! Früher gab es Rekonstruktionen von Dingen, die nicht in Wien sind, wie Freuds Couch. Jetzt zeigt man nur mehr, was original ist. Die Entscheidung kann man aus verschiedenen Gründen treffen, aber ich finde es sehr schade. Mir ist das Gefühl wichtig, die Räume zu sehen, wie sie waren. Allein durch die Räume erfährt man sehr viel über die Menschen, die darin leben. Das gilt auch für meine Filme.

ZUR PERSON

Dario Argento (*1940, Rom) schrieb Drehbücher u.a. für Sergio Leone, bevor er 1969 mit „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ sein Regiedebüt gab. In der folgenden Dekade wurde er mit surrealen, prachtvoll stilisierten „Giallo“-Thrillern wie „Profondo rosso“ (1975) und Horror-Märchen wie „Suspiria“ (1977) und „Inferno“ (1980) zum prägenden Regisseur des fantastischen Kinos.

Auf Österreich-Besuch war Argento, um seinen Film „Dracula 3D“ auf den Festivals „Crossing Europe“ in Linz und „/slash einhalb“ in Wien zu begleiten. „/slash einhalb“ im Filmcasino läuft noch bis Samstag, den 3.5. Infos: slashfilmfestival.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2014)