Tiere und wir

Dieser Schwan heißt Bernhard!

Man soll von Höckerschwänen besser Abstand halten, weil sie, vor allem in der Brutzeit, zu Aggressionen neigen.
Man soll von Höckerschwänen besser Abstand halten, weil sie, vor allem in der Brutzeit, zu Aggressionen neigen.Foto: Olaf Krüger/Picturedesk
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Was hat ein Büffel mit einem Schwan, mit einem Nerz und mit Pferden zu tun? Und was sie alle mit uns? Ich weigere mich, nur das Leid ihrer oftmals zu menschlichem Nutzen instrumentalisierten Körper und ihre verfrühten Tode als das Verbindende anzuerkennen.

Um den Jahreswechsel war in Wien ein Schwan gestorben: ein Höckerschwan, wie man sie aus Parks kennt, vom Schwimmen in und Rudern auf der Donau. Es handelt sich um die Art Schwäne, von denen man sagt, man solle besser Abstand halten, weil sie, insbesondere in der Brutzeit, zu Aggressionen neigen. Ich bin tatsächlich als Kind einmal beinahe gebissen worden von einem Höckerschwan, der laut eines Passanten zufällig genauso hieß wie mein erschrocken die Szene bezeugender Vater: Bernhard. Psychoanalytiker hätten vielleicht eine andere Erklärung dafür, aber ich glaube, ich erinnere mich daran vor allem deshalb so genau, weil es meine erste Begegnung mit einem gefährlichen Tier war, das nichts von mir hielt.

Höckerschwäne gelten laut dem Naturschutzbund Nabu nicht als gefährdet. Ihr Bestandstrend ist, anders als der so vieler Vogelarten, stabil, sogar leicht steigend. Vielleicht wegen ihrer Allgegenwärtigkeit sind Höckerschwäne wie Bernhard, so sehr ihre Schönheit mythologisch aufgeladen und besungen wurde, wohl kaum etwas Besonderes in unserer kollektiven Vorstellung – zumindest trifft man sie im Park oder am Flussufer an und nicht, sagen wir, in einem Gedicht von Rainer Maria Rilke oder einem Gemälde von Leonardo da Vinci, die in ihren jeweiligen Künsten den Mythos um Leda und den Schwan bearbeitet haben.

Der Eierengpass blieb aus

Obwohl also Schwäne im Allgemeinen kaum Aufsehen erregen, schaffte es der im vergangenen Winter verstorbene, namenlose Wiener Höckerschwan bis in die internationale Presse: Denn er war an einer Variante von H5N1 verendet, vulgo Vogelgrippe, die in dieser Form Mitte der 1990er-Jahre erstmals aufgetreten ist und seither in Wellen immer wieder kommt. Nun war auch diese Pandemie in Österreich angekommen; kurzzeitig schien die Ostereierproduktion in Gefahr. Die ob steigender Preise für Futter und Energie angeschlagenen Geflügelhalter durften ihre Hühner, sofern sie mehr als fünfzig hatten, eine Zeit lang zu ihrem eigenen Schutz nicht mehr nach draußen lassen. Doch der Eierengpass blieb aus, vorerst verschwand das Ganze aus den Nachrichten. Ein sterbender Schwan schien niemanden zu kümmern. Ostern verging. Wir hatten gewiss unser Kontingent an Schrecken über die Welt aufgebraucht, waren müde und hatten einen schlafwandlerischen Hunger nach guten Nachrichten.

Unterdessen veröffentlicht die AGES Österreich-Karten, auf denen Risikogebiete für die Aviäre Influenza gelb markiert sind. Ende Juni ist das ganze Land gelb. Weltweit rafft die neueste Vogelgrippevariante 2.3.4.4b insbesondere Seevögel in unvorstellbaren Mengen dahin. Auch Säugetiere sind vor ihr nicht sicher: Füchse, Nerze, Waschbären, Bären. Alles stirbt, und alles zugleich.

„Augen wie ein verweintes Kind“

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