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Interview: Einer Beförderung widerstehen

Der deutsche Laufbahnberater Stefan Müller rät, sich die eigenen Kompetenzgrenzen genau anzuschauen.

Die Presse: Reicht die sorgfältige Pflege von Wissen und Können zur Absicherung einer gewissen beruflichen Selbstbestimmung aus?

Stefan Müller: Kompetenz und Fleiß sind die Basis beruflicher Entwicklungsfähigkeit. Doch beides ist heute kein Garant mehr für Erfolg, berufliche Selbstbestimmung und Standfestigkeit. Wer sich nicht zum Sklaven der Umstände machen will, muss wohlüberlegtes berufstaktisches Verhalten an den Tag legen.

Worauf kommt es dabei an?

Müller: Ganz oben steht das Einkommen. Führungs- und Nachwuchskräfte tendieren dazu, sich für ihre Arbeitsbelastung zu belohnen. Doch ein so kontinuierlich steigender Lebensstandard erhöht den Druck, den erreichten Status zu halten. Das untergräbt die berufliche Souveränität. Auf einen Teil des Einkommens verzichten zu können, vergrößert die Selbstsicherheit, durchhalten zu können und eigene Grundsätze nicht über Bord werfen zu müssen, sondern auch im Extremfall externe Alternativen zu finden.

Wer steht beruflich auf sichereren Füßen, der Spezialist oder der Generalist?

Müller: Die Zielsetzung sollte sein, Zusammenhänge im Unternehmen zu verstehen und Schnittstellen definieren zu können. Führungskräfte müssen nicht im Bedarfsfall jeden Mitarbeiter ersetzen können oder selbst ihr bester Sachbearbeiter sein. Glaubt er allerdings, managen allein reicht, verliert er schnell an Autorität. Der Absturz des großen Generalisten ist dann nur noch eine Zeitfrage.

Wie wichtig für die berufliche Selbstbestimmung ist es, seine Grenzen zu kennen?

Müller: Wer seine Grenzen nicht kennt, kann darauf warten, dass sie ihm gezeigt werden. Bei einer angebotenen Beförderung "Nein" zu sagen, ist heikel. Es gibt kaum eine heiklere Schwachstelle für die Karriere als an den falschen Platz befördert zu werden. Intern kann der Betreffende kaum zurück, extern muss er entweder weiter nach oben oder mit großem Aufwand erklären, dass er seine Laufbahn soeben "redefiniert" hat. Deshalb muss man die eigenen Kompetenzgrenzen kennen und beachten. Und daraus muss man Argumente ableiten, dass die angebotene Position nicht den richtigen fachlichen Schwerpunkt hat.

Es gilt also, auch mit Beförderungen vorsichtig umzugehen?

Müller: Unbedingt. Wer glaubt, eine Beförderung belohnt immer nur eine hervorstechende Leistung, ist auf dem Holzweg! Oft wird auch nur eine Lücke ohne Rücksicht auf die Eignung des Mitarbeiters für den Augenblick geschlossen, um ein Personalproblem zu lösen oder an eine andere Führungskraft "delegieren" zu können. Oder der Betreffende wird in der Hoffnung weggelobt, dass er dort stolpert und so Anlass für eine Trennung liefert.

Welchen Ratschlag leiten Sie daraus ab?

Müller: Nur wer weiß, wo er hingehört, stolpert nicht über eine unpassende Beförderung oder Bewährungsaufgabe. Aus diesem Grund sollte eine regelmäßige berufliche und persönliche Standortbestimmung Pflicht sein. Selbstdiagnosen sind dabei von zweifelhafter Aussagekraft. Das zeigen die oft markanten Unterschiede zwischen Selbstbild und Fremdbild.

Welche Bedeutung hat die Selbstdarstellung im Rahmen beruflicher Überlegungen?

Müller: Wer sich nicht zeigt, wird nicht gesehen. Und wer nicht wahrgenommen wird, wird schnell überrannt. Die persönliche Präsenz zu pflegen, ist unerlässlich. Das kann auch beim an sich ungeliebten "Reporting" passieren. Als Chefpflege sozusagen.

Die Zeiten sind rau. Wie steht es um Fairness in Sachen Karriere?

Müller: Wer sein eigenes Vorankommen in erster Linie auf Kosten seiner Mitmenschen erzielt, wirft selber den Motor für die Retourkutsche an. Unfaires Verhalten ist ein Bumerang. Doch das erfahren viele erst, wenn es zu spät ist.