Der Nachbar-Planet ist seit Menschengedenken Projektionsfläche für Ängste und Aggressionen.
WIEN. Energie, Wille, Sexualität, Streitsucht: Jeder Horoskop-Leser weiß, dass nur einer gemeint sein kann, der Mars, für den die Astrologen dasselbe Symbol haben wie die Biologen für den Mann - den Kreis mit der schräg nach oben gereckten Waffe. Und davon war lange nichts Gutes zu erwarten: Vor 5000 Jahren sahen die Chinesen im blutroten Nachbarn das Strafgericht, bei den Babyloniern brachte er Seuchen, bei Ptolemäus Dürre. Die Griechen erhoben ihn zum Kriegsgott - mitsamt Gefolge: In der Ilias tauchen erstmals die beiden Marsmonde auf, Phobos und Daimos, Angst und Schrecken. Damals hieß er Ares, die Römer tauften ihn um und widmeten ihm einen Kult.
Daran hat sich wenig geändert, auch wenn der Tempel heute Kontrollzentrum heißt und die Eingeweihten mit Computern hantieren. Dafür, dass ihre Missionen den rechten Weg finden, können sie sich bei Kepler bedanken - er bestimmte die Bahn des Mars -, die Triebkraft des Unternehmens stammt aus den USA. 1872 entdeckte der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli auf dem Mars ein Netz feiner Linien und nannte es "canali", Rillen. In der Übersetzung wurden daraus "Kanäle", die von nun an das Leben des US-Hobby-Astronomen Percival Lowell mit Energie füllten: Sie mussten von irgendjemandem gegraben worden sein, offenbar zur Bewässerung.
Die Vorstellung intelligenten Lebens auf dem Mars schwappte rasch in die Literatur, erst hielten sich die Bilder von freundlichen und bedrohlichen Nachbarn die Waage, dann wurden alle Schrecken auf den Roten projiziert. Ende des 19. Jahrhunderts schrieb H. G. Wells seinen "Krieg der Welten", 1938 ließ Orson Welles die darin drohenden Marsianer im Radio auftreten - mit einer fiktiven Invasion der USA - und löste eine Massenpanik aus.
Die wurde abgelöst von der routinierten Hysterie, mit der sich die Nasa heute vom Mars nährt. Aber erst kam noch der Kalte Krieg, die Demütigung durch den Russen Gagarin als erstem Menschen im All. Fast hätte die kommunistische Technik auch beim Mars die Raketen vorn gehabt, aber die russischen Missionen von 1960 und 1962 explodierten beim Start. 1964 schaffte die erste US-Sonde den weiten Weg, aber die Kamera klemmte, kurz darauf gelangten die ersten Fotos aus der Nähe.
Wie zu erwarten, war eine unwirtliche Steinwüste zu sehen, die keinen weiteren Dollar aus dem Etat der USA locken konnte: Auf der Oberfläche des Mars lebt nichts, die Bedingungen sind zu extrem. Die Temperatur schwankt zwischen minus 130 und plus 27 Grad Celsius, die Atmosphäre - zu 95 Prozent Kohlendioxid - ist so dünn, dass der Luftdruck nur ein Prozent des irdischen beträgt, lebensfeindliche kosmische und UV-Strahlung aus dem All dringt ungeschwächt zum Marsboden.
Dort lebt heute also nichts. Aber vielleicht unter der Oberfläche, oder früher einmal? Dazu bräuchte es Wasser, flüssiges Wasser. Auf dessen Suche konzentriert sich die Nasa, wenngleich sie zwischendurch auch mit einem direkten Beleg für Leben aufwartete, ALH84001. Das ist ein kartoffelkleiner Marsmeteor, der 1984 in der Antarktis gefunden und 1996 zur Sensation wurde: Wie auf dem Mars finden sich auf ihm seltsame Rillen, viel kleinere natürlich. Sie könnten nur von Bakterien gezogen worden sein, schloss die Nasa, stieß aber bei den Bakteriologen auf energisches Kopfschütteln, weil die Rillen zu klein für die kleinsten Bakterien sind.
Bleiben die Kanäle. Die gelten zwar nicht mehr als Beweis für intelligentes, aber für mögliches Leben, irgendwann müssen Flüsse sie gegraben haben. Dazu braucht es nur die rechte Klimageschichte: Demnach war der Mars einmal warm. Diese Hypothese ist ebenso umstritten wie die Interpretation der Kanäle: Die "Flüsse" haben weder Nebenflüsse noch Quellen.
Sie können auch nicht von Wasser stammen, eine Nasa-Mission hat im August dem Gestein ablesen müssen, dass es nie flüssiges Wasser gab. Aber das hielt die Flut - von Raumsonden und von Landegeräten - nicht auf, die derzeit auf dem Nachbarn niedergeht. Risikofreude schreibt die Astrologie dem Zeichen des Mars ja auch zu.