Das rasche Verscharren der Opfer stößt auf Kritik: Tote sind kein Gesundheitsrisiko für die Überlebenden.
WIEN/MAINZ. "Der Respekt für die Toten ist ein Wert, den alle Kulturen und Religionen teilen. Aber es kann schwer sein, diesen Respekt von der tiefen Todesfurcht zu trennen, die jedes menschliche Wesen hat." Mit diesen Worten umschreibt Claude de Villet de Goyet, ein altgedienter Mitarbeiter der Pan American Health Organisation (Paho) - das ist der lateinamerikanische Ast der Weltgesundheitsorganisation WHO - das Dilemma, vor dem die Überlebenden nach jeder Naturkatastrophe stehen: Sollen die Toten so rasch wie möglich unter die Erde - oder soll man ihre Würde wahren, und die ihrer Rituale, die den Angehörigen den Abschied erleichtern?
Die Paho empfiehlt eindeutig Letzteres: "Es gibt keinen Beweis dafür, dass die toten Körper nach einer Naturkatastrophe ein Risiko von Epidemien bringen." So formuliert es Oliver Morgan, ein Arzt der London School of Hygiene and Tropical Medicine, der nach vielen Naturkatastrophen bei den Hilfsmannschaften dabei war und nun die Literatur gesichtet hat (Maiausgabe der Paho-Zeitschrift Pan American Journal of Public Health, dort findet sich auch der Artikel von de Goyet). Belege für das gefürchtete "Leichengift" hat er nirgends gefunden: Es gebe sachlich keinen Grund für das rasche Massen-Verscharren.
"Diese Kritik hat völlig recht", sagt Reinhard Urban, Gerichtsmediziner an der Uni Mainz: ",Leichengift' gibt es nicht, es gibt im toten Körper nur Zersetzung. Das ist so, wie wenn Fleisch im Kühlschrank alt wird. Daraus, dass eine Person eine Leiche ist, ergibt sich keine Kontamination" (Details: Friedhofskultur, Jänner 2003).
Woher sollte auch Gift in die Tsunami-Opfer kommen? Durch die Todesart nicht, sie sind erschlagen worden oder ertrunken. Durch die Verwesung nicht: Die Bakterien, die die Körper zersetzen, produzieren keine Gifte. Sie produzieren zwei Chemikalien, Cadaverin und Putrescin, das tun sie auch, solange wir leben, sie helfen bei der Verdauung. Bei den Leichen bringen sie den Verwesungsgeruch.
Gefährlich für Lebende kann ein Toter nur sein, wenn er als Lebender schon gefährlich war, wenn er etwa HIV im Blut hat oder Hepatitis. Morgan vergleicht das Risiko der Katastrophenhelfer, die direkt mit den Toten in Berührung kommen, mit dem von Notärzten oder Leichenbestattern und empfiehlt dieselben Schutzmaßnahmen: Handschuhe und Impfungen. Wer keinen direkten Kontakt hat, braucht auch keinen Schutz.
Wo kommen sie dann her, die rasch ausgehobenen Massengräber, in die die Toten vor laufenden Kameras mit den Bulldozern geschoben werden und in denen auf jede Lage Leichen noch eine Lage Chlorkalk kommt? "In den 25 Jahren, in denen ich die Katastropheneinheit der Paho geleitet habe, habe ich wenige Fälle gesehen, in denen nicht die Massenmedien nach Naturkatastrophen Panik vor massiven Krankheitsausbrüchen verbreitet hätten", erinnert sich de Goyet: "Die Politik folgt dann. Es ist alles nur für die Augen der Öffentlichkeit da." In sie wird der Chlorkalk gestreut.
Dadurch sind die Angehörigen und die weltweiten TV-Zeugen den unerträglichen Anblick zunächst einmal los, kurzfristig mag das Erleichterung bringen. Aber später kommen für die Angehörigen die psychischen Folgen der verpassten oder verwehrten Chance des Abschiednehmens - 30 Jahre nach dem Vietnamkrieg suchen US-Amerikaner immer noch vermisste Verwandte.
Das ist die eine Sorge, die die Paho bewegt. Die andere sind jene Epidemien, die nach Naturkatastrophen wirklich kommen. Die kommen von den Überlebenden, die etwas im Körper tragen, was ihr gestresstes Immunsystem nicht mehr bändigen kann; Tuberkulose etwa. Und natürlich von dem Wasser, das die Überlebenden trinken müssen. Dort sind Cholera und Typhus, in den Leichen sind sie nicht, und wenn sie in ihnen waren, sind sie mit ihnen gestorben.