Meinung: Alle sind schuld

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ieber ein Ende mit Schrecken (für die Angeklagten) als ein Schrecken ohne Ende (für die Justiz) - so dachte wohl der erfahrene Richter Kurt Wachsmann, wies den Antrag auf ein neues Gutachten ab und "machte zu", wie es im Jargon heißt. Nach sechs Jahren Verfahrensdauer haben Martina Krones-Taurer und ihr Mann endlich ihre Urteile. Hatte die Angeklagte zuletzt noch eine weitere Vertagung erwirken wollen, meinte sie dann: "Mein größtes Interesse ist, dass endlich ein Schlussstrich gezogen wird."

Wer ist schuld, dass Spendengelder für Not leidende Kinder abhanden kamen? Laut Gericht in erster Linie Martina Krones-Taurer, einst World Vision Österreich-Präsidentin. Hält das Urteil? Zunächst gilt es abzuwarten, ob Rechtsmittel eingebracht werden. Angesichts der eher kompromisslosen Spruchpraxis des Oberlandesgerichts empfiehlt es sich für die Verteidigung nicht unbedingt, gegen das Strafausmaß zu berufen. Eine Nichtigkeitsbeschwerde an den Obersten Gerichtshof wäre wohl erfolgsträchtiger.

Wer ist schuld, dass ein so heikles Verfahren (die Affäre löste eine Debatte über Spenden-Gütesiegel aus) sechs Jahre dauert? Die Erstellung des 600 Seiten-Gutachtens dauerte lange. Musste lang dauern, zumal der Informationsfluss von den Angeklagten zum Gutachter durchaus ausbaufähig gewesen wäre. Vielleicht hätte auch die U-Richterin angesichts der wartenden Öffentlichkeit flotter sein müssen. Oder die Wirtschaftspolizei, bei der der Akt viele Monate lag. Salomonisch betrachtet sind alle schuld.

manfred.seeh@diepresse.com

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