Meinung: Zu viel Leichengift

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ie Wiener Gerichtsmedizin be steht als eigenes universitäres Fach seit 1804, feiert heuer somit 200-jähriges Jubiläum. Das (nicht ganz so alte) zugehörige Institut sorgte einst für Schlagzeilen, zumal seine Forschung Weltruf genoss. Auch heutzutage wird über das Gerichtsmedizinische Institut (GMI) viel geschrieben. Vorwiegend in Rechnungshofberichten oder in den Chronikteilen der Zeitungen.

Zu viel Geld sei jahrelang am Institut vorbei in die Taschen der Gutachter geflossen, sagt der Rechnungshof, dessen Endbericht dem Parlament am Freitag zugeleitet wurde (Seite 18). Katastrophale Zustände seien die Folge gewesen.

Nun schlägt der neue Institutsvorstand Manfred Hochmeister Alarm: Ab November würden etliche Mediziner nur mehr Aufträge bearbeiten, die sie persönlich (und nicht via Institut) erhalten. Genau dem will der Gesetzgeber mit einer Novelle zur Strafprozessordnung (soll ab Jänner 2005 gelten) entgegentreten. Künftig sollen Leichenöffnungen immer über den Institutsleiter laufen. Dieser würde dann die Aufträge an seine Mitarbeiter verteilen. Letztere befürchten, dass dann nur mehr Liebkinder des Vorstands (diese Spezies ist derzeit allerdings rar) zum Zug kommen und sehen ein Ende der unabhängigen gutachterlichen Tätigkeit. Eine Befürchtung, die auch von Juristen geteilt wird. Zubilligen muss man der Novelle, dass sie unter anderem eine angemessene Aufteilung der Gebühren sichern möchte.

Dass die Gutachter, deren Expertisen etwa bei Strafprozessen von eminenter Bedeutung sind, tatsächlich nur mehr persönliche Aufträge erledigen und sich im GMI wieder die Leichen stapeln, wird von einem der angeblichen "Rebellen" im "Presse"-Gespräch bestritten. Der Dienstbetrieb werde nicht gefährdet. Bleibt die Erkenntnis, dass das Instituts-Klima vergiftet ist. Nicht weil bis vor kurzem noch die Maden zwischen den Leichen herum krochen, sondern weil die Chemie zwischen Leitung und Personal nicht stimmt. Vielleicht hilft ein runder Tisch. Oder ein Mediator. Eine Klimaänderung würde nicht nur die gutachterliche Tätigkeit fördern. Sondern auch die Forschung, die einst Weltspitze war.

manfred.seeh@diepresse.com

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