Meinung: Hang zum Zwang

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tell dir vor, es ist autofreier Tag und niemand geht hin. So etwa lässt sich an eben diesem Tag (22. 9.) die Situation auf Österreichs Straßen beschreiben. Freiwillig verzichtet kaum jemand aufs Auto. In Wien war der Ring vier Stunden gesperrt. Vorbei wars mit der Freiwilligkeit. "Ärger" und "Frust" waren groß, wie Österreichs auflagenstärkste Zeitung titelte. Und die Umwelt? Auch der brachte die Sperre kaum etwas. Allerdings: An keinem anderen Tag war bisher das Prädikat "autofrei" so heftig debattiert worden wie an diesem. Zwang bewirkt eben doch einiges. Gerade im Straßenverkehr.

Nun liegt die Unfallbilanz fürs erste Halbjahr 2004 vor: Insgesamt gab's weniger Unfälle, weniger Tote. Blutig ist die Bilanz bei den jungen, oft alkoholisierten Lenkern (siehe nebenstehenden Artikel). Gut zureden half bisher wenig. Nur dort, wo die Exekutive mehr Hang zum Zwang (z. B. Geschwindigkeitskontrollen) an den Tag legt, ist der alltägliche Wahnsinn messbar. Apropos Tempo: Auch die maximal 130 km/h auf Autobahnen scheinen bei den meisten Lenkern allenfalls als Empfehlung aufgefasst zu werden. Erst wo geblitzt wird, bremst man. Ortskundige pflegen vor Radarboxen langsamer zu werden und kurz danach wieder Gas zu geben. Auch hier gilt: Zwangsmaßnahmen helfen weiter, wenn auch nur ein paar Meter.

Bei den jungen Fahrern sind Verkehrsunfälle die häufigste Todesursache. Gefolgt von Selbstmord und Krankheit. So gesehen sollte es endlich kommen, das Vormerksystem (Übertretungen werden vorgemerkt und können im Wiederholungsfall zum Führerscheinverlust führen). So gesehen sollen sie stark erhöht werden, die Strafen fürs Rasen, Drängeln etc., über deren Vereinheitlichung jüngst ebenso heiß diskutiert wurde wie über den autofreien Tag (nun soll es wenigstens einheitliche Mindeststrafen geben).

Wenn nicht ständig junge Menschen in Autos verbrennen oder zerquetscht werden sollen, müssen Zwangsmaßnahmen forciert werden. Dafür braucht vor allem die Exekutive genug Personal. Aber das ist eine andere Geschichte.

manfred.seeh@diepresse.com

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