E
inst war Laufen ein hoch angesehe ner Beruf. Zum Beispiel vor 700 Jahren, im Reich der Inka. Nur die Besten schafften die Aufnahmeprüfung zum Botenläufer. Es galt, ein Lama zu fangen. Dazu musste man das bedauernswerte Tier solange hetzen, bis es vor Erschöpfung zusammenbrach. Bei bestandener Aufnahmeprüfung wurden dem Läufer mit Bohnen gefüllte Lama-Hoden kredenzt.
Heutzutage hat sich Laufen gleichsam als das Gegenteil von Beruf positioniert: Laufen heißt Durchatmen, (Berufs-)
Stress abbauen, Gesundbleiben - und Dazugehören. Warum gerade dieser Sport? Oder ist es gar kein Sport, sondern die Wiederentdeckung der elementaren Art menschlicher Fortbewegung? Warum also gerade Laufen? Da gibt es keinen Gegner. Kein Sportgerät. Keine Spielregeln. Keine Action. Eben: Laufen ist Entspannung. Zum Laufen bedarf es keines eigenen Sportplatzes, keiner aufwendigen Ausrüstung, nur einer gewissen Disziplin.
Und damit ist man beim Eigentlichen. Um Lust an der Qual - etwa über die Marathondistanz - zu empfinden, braucht man so etwas wie "Denkdisziplin". Es ist ein Stück mentaler Arbeit, Versuchungen zu widerstehen. Etwa der Versuchung, einfach aufzuhören, wenn es weh tut. Oder der Versuchung, in der Früh erst gar nicht aufzustehen. Wie sagte doch der neunfache Olympiasieger der Zwanzigerjahre, der Finne Paavo Nurmi: "Alles, was ich bin, bin ich durch meine Gedanken."
In so manchem Hobby-Läufer steckt ein kleiner Nurmi. Denn seien wir, wir Läufer, doch einmal ehrlich: Wir fühlen uns gut, weil wir laufen. Mehr noch: Wir fühlen uns besser als die anderen. Das gibt Sicherheit - zu wissen, dass man ein Lama erwischen kann. Auch wenn man auf die gewiss gut gemeinte Belohnung liebend gerne verzichten kann.
manfred.seeh@diepresse.com