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in Flüchtlings-Bub nur mit einer Pyjama-Hose bekleidet bittet im Wiener Kompetenzzentrum für minderjährige Flüchtlinge um Aufnahme - und wird weggeschickt. Diese Geschichte machte kürzlich im Jugendamt die Runde.
Flüchtlingsbetreuer, allen voran die Caritas, mahnen die Pflicht des Bundes ein, Quartiere für Asylwerber zur Verfügung zu stellen. Bessern sollte sich die Situation mit der ab Mai gültigen Grundversorgungs-Vereinbarung zwischen Bund und Ländern: Anhand eines Verteilungsschlüssels haben die Länder Unterkünfte zu schaffen. In Ostösterreich, vor allem in Wien, halten sich weit mehr Asylwerber auf als anderswo. Eine Großstadt bietet mehr Möglichkeiten, speziell Minderjährigen: 2003 wurden 88 Prozent der jungen Leute allein in Wien versorgt.
Innenminister Strasser sagt, dass er nicht gegen den Willen der Bürgermeister Flüchtlinge in die Länder schickt. Kaum ein Bürgermeister dürfte sich bei seiner Gemeinde beliebt machen, wenn er möglichst viele Asylwerber aufnimmt. Ab Mai werden die Spielräume für die Gemeinden enger. Vorarlberg etwa will sich von der Flüchtlings-Quote freikaufen. Die gut 600 zugedachten Menschen würde man nicht unterbringen. Zum Vergleich: Im Lager Traiskirchen (NÖ) sitzen derzeit rund 1500 Menschen fest.
In Wien schickt die heillos überfüllte Caritas Asylwerber ins Innenministerium. Gewiss, das hat etwas unschön Aktionistisches, aber nun kann niemand mehr wegsehen. Das (latente) Problem wurde schlagartig in den Blickpunkt gerückt. Ganz im Sinne der Flüchtlinge.
Wie sich der Zustrom durch die EU-Osterweiterung entwickelt, wird sich zeigen: Wird er geringer, weil Flüchtlinge in anderen Staaten "hängen" bleiben? Nimmt er zu, weil Menschenhändler einen größeren Markt vorfinden?
Die österreichische Misere wird solange andauern, bis die Verteilung klappt. Selbst wenn's funktioniert, sollte man aber den kleinen Bub mit der Pyjama-Hose nicht vergessen: Dieser wurde tatsächlich zurückgeschickt. Man war nämlich drauf gekommen, dass er bereits einen Platz "am Land" gefunden hatte. Nur: Auch er wollte eben nach Wien.
manfred.seeh@diepresse.com