Langzeitarbeitslose: "Pünktlich und nicht zugekifft"

In geschützten Projekten sollen Langzeitarbeitslose wieder fit für den "ersten Arbeitsmarkt" gemacht werden. Jeder Dritte bekommt danach einen "richtigen" Job.

Wien. Kellner Philipp im Wiener Stadtbeisl "Inigo" hat schon Routine im Umgang mit Gästen, die sich für seine persönliche Situation interessieren: "Mein Leben hat sich um mindestens fünfzig Prozent verbessert, seit ich hier arbeite", schätzt er. Seit sieben Monaten ist der gelernte Koch im "Inigo", einem "sozialökonomischen Projekt" für Langzeitarbeitslose von Caritas und Arbeitsmarktservice (AMS), beschäftigt, nach fünf Monaten läuft sein befristetes Arbeitsverhältnis wieder aus. Aber dann hofft er, es bei Bewerbungen wieder leichter zu haben als in den neun Jahren Arbeitslosigkeit davor. Immerhin hat er dann Referenzen: "Der neue Arbeitgeber kann im Inigo anrufen und fragen, ob ich pünktlich war und nicht zugekifft." Bezahlt bekommt Philipp netto 800 Euro. Das ist nicht viel, wenn man wie er Schulden abbezahlen muss. "Aber mit dem Trinkgeld geht es."

In Wien steigt die Langzeitarbeitslosigkeit explosionsartig an. Im ersten Halbjahr 2004 suchten im Schnitt 13.000 Betroffene bereits länger als ein Jahr nach einem Job - eine Steigerung von mehr als einem Drittel gegenüber dem Vorjahr. Im Vergleich zu 1999 hat sich die Anzahl der Langzeitarbeitslosen sogar mehr als verdoppelt. Und sie alle kämpfen mit den bekannten Problemen: Die Qualifikation sinkt laufend, dazu kommen noch psychische und gesundheitliche Beschwerden.

Damit sie sich wieder an das Arbeiten gewöhnen, in Betrieben zurecht finden und Verlässlichkeit lernen, vermittelt das AMS die Problemfälle in den sogenannten "zweiten Arbeitsmarkt." Darunter versteht man sozialökonomische Betriebe und Beschäftigungsprojekte, erklärt AMS-Wien-Sprecherin Susanne Rauscher. In der Hauptstadt gibt es davon 30. Die Werkstatt etwa - dort reparieren schwer vermittelbare Jobsuchende Autos. Im R.U.S.Z. richten sie alte Haushaltsgeräte her. Im "Stadtbeisl Inigo" sind sie in der Küche und im Lokal tätig. "Durch die Arbeit werden Betroffene qualifiziert und können vielleicht sogar in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden", sagt Rauscher. Der Vorteil des zweiten Arbeitsmarkts: "Man drückt oft ein Auge zu, wenn Personen noch nicht die volle Arbeitsleistung erbringen oder Arbeitstugenden wie Pünktlichkeit oder angemessenen Umgang mit Vorgesetzten erst wieder lernen müssen", weiß Andreas Thienel, Bereichsleiter für Arbeitslosigkeit in der Caritas Wien. "Je länger jemand arbeitslos ist, desto größer werden die Arbeitshemmnisse: Der geregelte Tagesablauf fehlt, und das Selbstbewusstsein sinkt, wenn alle Bewerbungen erfolglos sind, weil die potenziellen Arbeitgeber immer wissen wollen, was man vorher gemacht hat."

Wie hoch sind Philipps Chancen, nach Ablauf seines "Inigo"-Jahres auf dem sogenannten "ersten Arbeitsmarkt" unterzukommen? "Ein Drittel der Teilnehmer an sozialökonomischen Projekten schafft es sofort", berichtet Thienel. Ein weiteres Drittel sei zumindest "job-fit", falls sich ein Arbeitsplatz biete. Ein Drittel schafft es nicht. Viele Langzeitarbeitslose haben auch mit familiären Problemen, Alkohol, Obdachlosigkeit oder Schulden zu kämpfen, was ihre Integration nicht leicht macht. Während der einjährigen "Transitarbeitsverhältnisse" versuchen Sozialarbeiter, durch Beratung und Vermittlung Abhilfe zu schaffen.

Besonders deutlich wächst momentan die Gruppe mit wirklichen Hemmnissen, also Drogensüchtige oder Alkoholiker. "Für sie bieten wir ab Herbst noch niederschwelligere Einstiegsmöglichkeiten", kündigt Rauscher an. Mit sogenannten One-Day-Jobs sollten sie wenigstens arbeiten gehen, wenn sie sich gut genug dafür fühlen. Auch die Caritas unterhält derzeit zwei von der EU geförderte Projekte für diese Gruppe. "Aussichten auf einen regulären Job gibt es aber nicht", sagt Rauscher.

Das AMS Wien zahlte 2003 knapp 14 Millionen Euro für 500 Transit-Arbeitsplätze, dabei müssen sich die sozialökonomischen Betriebe zu einem kleinen Anteil selbst finanzieren. Das "Inigo" trägt sich sogar zur Hälfte selbst.

Eine weitere Möglichkeit, Langzeitarbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt zu bringen, bietet die Arbeitskräfteüberlassung. Trendwerk oder Jobtransfair bieten Arbeitskräfte zu günstigen Preisen. Sie verleihen an die 3000 Langzeitarbeitslose pro Jahr für Reinigungsjobs oder als Aushilfskräfte für den Handel oder fürs Büro.

Häufig genutzt wird auch die Eingliederungsbeihilfe. Damit können sich Betriebe bis zu sieben Monate lang die Hälfte der vollen Lohnkosten vom AMS zurückholen, wenn sie einen Langzeitarbeitslosen aufnehmen. "Das bietet beiden Seiten die Möglichkeit sich kennenzulernen und nützt mehr als jeder Probemonat", sagt Rauscher. Mit einer Fördersumme von 23 Mill. Euro konnten im Vorjahr 3400 Menschen ein neues Dienstverhältnis beginnen. Oder anders gesagt: Die Kosten liegen bei mehr als 6400 Euro pro Person.

Um es aber erst gar nicht so weit kommen zu lassen, schickt das AMS Wien mehr Arbeitslose denn je in Schulungen. Mit zuletzt 1256 Personen stieg die Anzahl der Kursteilnehmer in der Bundeshauptstadt im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.